War der Maler Magritte ein Daoist?

Ein über dem Meer schwebender Felsblock, auf dessen Spitze eine Burg steht; ein Apfel, der den ganzen Raum eines Zimmers füllt. Solche oder ähnliche Reproduktionen sind Ihnen sicher schon begegnet. Dinge, die in der Realität in dieser Kombination nicht vorkommen, malte der Surrealist René Magritte (1898–1967). Aber was heißt schon Realität?

Ist das eine Pfeife, die wir auf dem Bild sehen? Nein. Das ist keine Pfeife, schreibt Magritte. Aber was ist das sonst?

«Der Verrat der Bilder» heißt eine Ausstellung in der Schirn in Frankfurt a. M. (bis 5. Juni 2017) und zeigt eine breite Auswahl von Bildern des Surrealisten Magritte:

Beim Betrachten der Bilder und der meist rätselhaften Bildtitel in der Ausstellung gewann ich den Eindruck, dass alle Arbeiten den Grundgedanken zu illustrieren scheinen, dass von dem, was wir tagtäglich sehen und benennen, nichts der Wirklichkeit entspricht. Es ist eine folgenschwere Verwechslung, im Alltag den Begriff oder das Bild für die Wirklichkeit zu nehmen. Sobald wir etwas sprachlich benennen, deuten wir es bereits.

Das erinnert mich an zwei Philosophen, die zweieinhalbtausend Jahre auseinander liegen: Lao Zi und Wittgenstein. Lao Zi schrieb:

sagbar das Dao
doch nicht das ewige Dao
nennbar der name
doch nicht der ewige name

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Träumen Chinesen anders als Europäer?

Freud und die Träume

Unsere Träume setzen sich zusammen aus Versatzstücken unserer Erlebnisse und Eindrücke, seien sie aktuell oder weit in der Zeit zurückliegend. Sigmund Freud bezeichnete Träume als ein «Konglomerat», «in dem jeder Brocken Gestein eine besondere Bestimmung verlangt.» Er folgerte daraus: «Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausgegangen ist.»

Und dann macht der Mann aus der Bergstraße in Wien die interessante Feststellung, «dass die orientalischen Traumbilder, von denen die unsrigen klägliche Abklatsche sind, die Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit der Worte vornehmen» und lobt «die außerordentliche Bedeutung des Wortspiels und der Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen». Freuds Schlussfolgerung: «Übrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen Ausdruck, dass Ferenczi mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum ist in der Regel unübersetzbar in andere Sprechen und ein Buch wie das vorliegende, meinte ich, darum auch.» Dieses Buch, das ist Freuds Traumdeutung, erstmals erschienen im Jahre 1900. Die Zitate stammen daraus (Gesammelte Werke in 1 Band, S. 119).

Chinesische Schriftzeichen als Deutungs-Schlüssel

Was meint Freud mit Wortspiel und Wortspielerei bei der De-Chiffierung von Träumen? In China analysierte man weniger die Traumsymbole als vielmehr deren chinesische Schriftzeichen. Christof Niederwieser erklärt uns: «Dabei kann oft eine gänzlich andere Bedeutung zutage treten, als der Traum ursprünglich suggeriert hat. So wird von einem hohen Beamten des Kaisers Kangxi (1654 – 1722) berichtet, der wissen wollte, ob er jemals Söhne haben würde. Er begab sich dazu in den Guandi-Tempel 關帝廟 außerhalb Pekings. Dort träumte er, dass ihm Guandi 關帝 einen Bambusstab ohne Blätter und Zweige überreichte. Er war sehr traurig, denn er deutete dies als Omen, dass er niemals einen Nachfolger haben werde. Doch ein Traumdeuter klärte ihn auf.

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Frühlingstee für Ihre Holz-Energie

Frühjahrsmüdigkeit? Arbeitsunlust? Trägheit? Noch ein paar Pfunde auf Ihrer Waage, die der Winter hinterlassen hat? Dann ist es höchste Zeit für einen Frühjahrsputz, um die dem Frühling angemessene Leichtigkeit zu erreichen. Das geht nur, wenn die Energie im Körper frei fließen kann, ohne Stockung und Blockade.

Nach der Chinesischen Medizin ist für den freien Fluss der Energie die Leber zuständig. Sie gehört wie der Frühling zur Wandlungsphase Holz. Schon die alten chinesischen Ärzte wussten, dass die Leber das im Frühjahr besonders gefährdete Organ ist. Verstößt man gegen die Erkenntnis und pflegt die Leber nicht genügend, so wird man im darauf folgenden Sommer von einer Kälte-Krankheit heimgesucht.

Der freie Energiefluss macht Gute-Laune

Rein organisch ist die Leber ein wichtiges Stoffwechsel-Organ. Typische Symptome sind Spannungsgefühle in den Rippenbögen, Blähungen mit gespannter Bauchdecke, vor allem aber Stimmungswechsel und Depression, Reizbarkeit, Angespanntheit, Seufzen, Melancholie. Der geschmeidige Fluss der Energie ist dann beeinträchtigt und unser Gefühlsleben wird immer angespannter.

Bunte Frühlings-Mischung mit Primelblüten

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Deutsche Übersetzung eines chinesischen Romans erhält Preis

Preis der Leipziger Buchmesse: Eva Lüdi Kong gewinnt in der Kategorie Übersetzung

„Die Reise in den Westen ist das wohl bedeutendste, in jedem Fall das populärste Buch der chinesischen Literatur. Bis heute lebt es fort in Mangas, Filmen, Computerspielen. Wann das Buch entstand, wer sein Autor ist, das weiß man nicht; in seiner heutigen Fassung ist es rund 400 Jahre alt. Dieses Buch hat es bislang auf Deutsch nicht gegeben, höchstens in kleineren Auszügen. Dass es nun in seiner ganzen Fülle und Vielfalt vorliegt, ist das Verdienst von Eva Lüdi Kong“, heißt es in der Presse-Erklärung der Leipziger Messe vom 23. März 2017.

Die Autorin und Übersetzerin Eva Lüdi Kong

Es war ein Werk der Liebe, das viele Jahre in Anspruch nahm. Lüdi Kong hat es in ein modernes, lebendiges Deutsch gebracht; aber sie hat noch mehr getan als das. Die vielen uns Europäern unverständlichen Aspekte hat sie durch einen umfangreichen Apparat erschlossen und den Kosmos der chinesischen Kultur zugänglich gemacht, mit all seinen konfuzianischen, buddhistischen, daoistischen, alchemistischen Traditionen.

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Chinesisches Plakat- und Buchdesign heute

 

Schriftbilder – Bildschrift. Chinesisches Plakat- und Buchdesign heute: 文圖  (Wen Tu)

Die Berliner Ausstellung gewährt einen ersten umfassenden Einblick in die junge Szene des chinesischen Grafikdesign. Diese hat sich in den letzten zwanzig Jahren in China und Hongkong etabliert und wachsende internationale Anerkennung erlangt.

Internationale Bildsprachen sind in diesen Arbeiten mit der Tradition kalligraphischer Schriftkultur verbunden und haben eine eigene chinesische Moderne hervorgebracht. Mit ein wenig meditativer Muße gibt der Trailer zur Ausstellung einen sehr schönen Eindruck:

Es werden über 150 Plakate und Bücher von rund 50 Designern aus den verschiedensten Regionen Chinas präsentiert. Aus Anlass der Ausstellung ist eine umfangreiche Publikation erschienen, gestaltet von Jianping He, dem Initiator der Ausstellung. Die Ausstellung ist eine Übernahme aus dem Folkwang Museum in Essen.

Ausstellungsort:
Kunstbibliothek bis 28.05.2017
Matthäikirchplatz
10785 Berlin

Die Kunstbibliothek ist erreichbar mit:
U-Bahn U2 (Potsdamer Platz)
S-Bahn S1, S2, S25 (Potsdamer Platz)
Bus M29 (Potsdamer Brücke); M41 (Potsdamer Platz Bhf / Voßstraße);
M48, M85 (Kulturforum); 200 (Philharmonie)

Leidenschaften im alten China

Zur Ausstellung „Leidenschaften in der Kunst Ostasiens“ in Köln
In einer ästhetisch beeindruckenden Schau haben die Direktorin des Kölner Museums für Ostasiatische Kunst, Adele Schlombs, und ihre Stellvertreterin Petra Rösch 120 Werke aus der Sammlung des Museums zusammengetragen, die von der Liebe zu den Künsten, der Sehnsucht nach Freiheit und einem Leben in der Natur, von der Freude am erotischen Spiel bis hin zur Überwindung der Leidenschaften durch den Buddhismus handeln.

So spiegelt die Ausstellung Leidenschaft wider als eine das Gemüt ergreifende Emotion. Leidenschaften umfassen Formen der Liebe und des Hasses, aber auch religiösen und moralischen Enthusiasmus.

Am Beginn stehen die traumschönen Ideallandschaften, soll doch der Mensch nach daoistischer Lehre den „Staub der Welt“ abschütteln und zur Einheit mit der Natur finden: Einsiedler und kleine Behausungen am Fuß gewaltiger Berge, die sich im Dunst der Wolken verlieren. Die chinesische Landschaftsmalerei drückte die Sehnsucht nach einer idealen Welt ohne gesellschaftliche Zwänge und die Hoffnung auf Unsterblichkeit aus. Sie bot denen, die unter dem hierarchischen Beamtenapparat und den höfischen Intrigen litten, ein Refugium.

Landschaftstuschbild von Dong Qichang (1555–1636)

Der Tang-Dichter Han Yu (768-824) beschrieb diesen Rückzug von dem, was ihn „nicht freuen kann“:

„Ich verweile an kargen und ungestörten Orten 窮居而野處, steige in die Höhen und schaue ins Weite aus, verbringe meine Tage sitzend unter blühenden Bäumen, im kalten Quell badend reinige ich mein Selbst, sammle in der Schönheit des Gebirges meine Kost, und was ich beim Angeln in den frischen Wassern fange, reicht mir als Speise. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem ich mich erheben, oder ruhen müsste. In allem was da kommt ist Friede.“

Einige farbige Tuschzeichnungen in der Ausstellung illustrieren „Die wundersame Geschichte vom Pfirsichblütenquell“. Sie stammt von dem chinesischen Tang-Dichter Tao Yuanming 陶淵明 (365-427. n. Chr.) und geht etwa so:
Ein Fischer aus Wuling rudert mit seinem Boot einen Fluss stromaufwärts und gerät nach einiger Zeit durch Zufall in einen wunderschönen Hain von Pfirsichbäumen inmitten einer romantischen Felsenlandschaft.
Zufällig entdeckt er am Ende des Hains eine Felsspalte, die ihn in ein Paradies führt, in dem die Zeit still steht. Er trifft auf freundliche und gastfreie Menschen. Sie wohnen in Häusern, von fruchtbaren Feldern umgeben, in einer Landschaft von lieblichen Seen mit Bambus- und Maulbeerhainen. Die Menschen kennen keine gesellschaftlichen Hierarchien und leben in Glück und Harmonie. Sie leben an diesem Ort zwar abgeschieden von der Welt, aber glücklich und in Frieden.

Ideale Landschaft – Tuschzeichnung von Hu Chengyen (17. Jh.)

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Kaffee lässt Funken bis ins Gehirn sprühen (Balzac)

„Der Kaffee fällt sozusagen in Ihren Magen hinein, entflammt ihn förmlich und lässt die Funken bis ins Gehirn hinauf sprühen. Die Folge davon ist eine allgemeine Aufregung, die Gedanken kommen in eine Verwirrung wie die Bataillone der grossen Armee auf dem Schlachtfelde, und die Schlacht findet eben statt. Die Erinnerungen stürmen im Laufschritt eines heftigen Angriffs mit fliegenden Fahnen. Die leichte Kavallerie der vergleichenden Vorstellungen entfaltet sich in einem grossartigen Galopp, die Artillerie der Logik kommt mit ihrem Train und dem schweren Geschütz, die Geistesblitze sind sozusagen die Sprengbomben, die Figuren stellen sich auf, das Papier bedeckt sich mit Tinte, denn die nächtliche Arbeit beginnt jetzt, und sie endet ja mit ganzen Strömen von schwarzem Wasser so wie das Schlachtfeld mit schwarzem Pulver.“
(Honoré de Balzac)

Koffein gehört zu den psycho-aktiven Drogen

Damit reiht sich der Kaffee ein in die Gruppe der Stimulanzien. Koffein ist damit eine pharmakologisch aktive Substanz. Anregende Inhaltsstoffe finden wir über den Kaffee hinaus in Tee, Cola-Getränken, Mate, Energy-Drinks und in geringen Mengen auch im Kakao. Koffein ist weltweit das am häufigsten konsumierte Stimulanzium.

Tatsächlich lassen sich die von Balzac zugegebenermaßen dramatisch geschilderten Wirkungen des Kaffees aber durchaus bestätigen. Auch wenn wir nicht 50 Tassen am Tag trinken müssen, wie dies dem berühmten französischen Schriftsteller Honoré de Balzac (1799-1850) nachgesagt wird.

Je älter die Deutschen sind, desto häufiger trinken sie täglich Tee oder Kaffee, entsprechend fast alle über 60-Jährigen (97 %). Das steht im „Ernährungsreport 2017 – Deutschland, wie es isst“. US-amerikanische Gesundheitsforscher würden dem beipflichten, ihrer Meinung nach lebt länger, wer Kaffee trinkt. Zwei bis fünf Tassen Kaffee (bis zu 400 Milligramm Koffein), über den Tag verteilt, können entsprechend vieler Studien die Gesundheit fördern.

Positiv bestätigen lassen sich folgende Erkenntnisse

• Kaffee steigert die Wachheit
• Kaffee verbessert die Konzentrationsleistung und Merkfähigkeit, insbesondere das Kurzzeitgedächtnis.

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Gegen Räuber die Nadeln spielen lassen – Lobpreisung der „Reise in den Westen“

„Jetzt ist es am alten Sun, seine Nädelchen spielen zu lassen!“
„Aha, der Mönch ist eine Akupunkteur“, meinte einer der Räuber und rief: „Wir sind doch nicht krank, wozu eine Nadel?“
Der Mönch, „alter Sun“ holte daraufhin sein stecknadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwang es in den Wind und hielt eine Stange vom Durchmesser einer Reisschale in den Händen. Dann schrie er: „Stehengeblieben! Lasst auch den alten Sun seine Waffe ausprobieren.“
Entsetzt stoben die sechs Räuber in alle Richtungen.

Affenkönig Sun Wukong 孫悟空: „„Als steinernes Ei aus einem Felsen geboren, befruchtet vom Wind, geschaffen aus den reinen Essenzen des Himmels, den feinen Düften der Erde, der Kraft der Sonne und der Anmut des Mondes“.

81 Bewährungskämpfe gegen Geister und Dämonen

Ich musste herzlich darüber lachen, dass die Akupunktur in dem chinesischen Riesen-Roman „Die Reise in den Westen“, immerhin 1300 Seiten stark, vorkommt. Wer weiß, vielleicht wird die Akupunktur noch in den weiteren Kapiteln erwähnt, die ich noch nicht gelesen habe. Ich bin erst bis Seite 280 gekommen. Diesen phantasisch-komisch-bulesken Roman hat die Deutschschweizerin Eva Lüdi Kong wunderbar ins Deutsche übersetzt. Er liest sich wie eine Phantasy-Geschichte, stammt aber aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Es wimmelt nur so von Dämonen, Geistern, Göttern, Zauberern, aber auch Weisen und Mönchen. In den 100 Kapiteln werden 81 Bewährungen des Affenkönigs Sun Wukong bzw. des Mönches Tripitaka geschildert, den Hauptprotagonisten einer Pilgergruppe, die im Auftrag des chinesischen Kaisers Taizong 太宗 (7. Jh.) nach Westen, d.h. Indien, reisen, um dort von Buddha die heiligen Schriften zu erbitten. Auf dem Weg sind die tollsten Abenteuer zu bestehen.

Jorge Luis Borges schrieb; „Es gibt wohl kaum ein abergläubischeres Volk als das chinesische. Die weitläufigen realistischen Romane, die es hervorgebracht hat – so der Traum der roten Kammer –, wimmeln von Wundern, eben weil diese wirklich sind und weil man das Wunderbare nicht für unmöglich, nicht einmal für unwahrscheinlich.“ Und: „Nichts Charakteristischeres gibt es für ein Volk als seine Phantasien.“ Vielleicht gilt das auch für das Werk des Zeitgenossen des vermutlichen Autors der „Reise in den Westen“, dem Don Quijote des Miguel de Cervantes.

Die Übersetzerin der Reise in den Westen fügte dem Text Anmerkungen hinzu, die man nicht lesen muss, um den Gang der Handlung nachvollziehen zu können, aber wenn Sie wie ich sich seit über 30 Jahren mit chinesischer Philosophie und Medizin beschäftigen, sind die Anmerkungen sehr erhellend. Plötzlich erscheinen einem bekannte Begriffe des Daoismus und Buddhismus in Verbindung mit der spannenden Handlung geradezu bildlich vor Augen.

Die sechs Sinne sind sechs Räuber

Bleiben wir bei den Räubern. Die versperren dem alten Sun und seinem Meister Tripitaka den Weg, stellen sich jedoch auf nachfrage Suns artig vor: „Hör gut zu: Der Erste heißt Freudeschauendes Auge, der Zweite Zornhörendes Ohr, der Dritte Liebeschnuppernde Nase, der Vierte Gedankenschmeckende Zunge, der Fünfte Lustgewahrender Sinn, der Sechste Kummerverhafteter Körper.“ „Ach so, sechs kleine Räuberchen!“ spottete Sun Wukong.

Man kann einfach weiter lesen, aber auch kurz unterbrechen und die dazugehörige Fußnote von Eva Lüdi Kong lesen: „Im Buddhismus werden die sechs Sinne oft als „sechs Räuber“ bezeichnet, da sie durch die verwirrende Vielfalt der Wahrnehmungen den Zugang zur inneren Buddha-Natur verhindern. Der Begriff bezieht sich auf das Surangama Sutra, 4. Buch, in dem es heißt: „Was du gegenwärtig vor Augen, Ohren, Nase, Zunge sowie Leib und Herz gebrauchst, diese sechs sind Räuber, welche seinen inneren Schatz stehlen.“

Hier lässt sich nachvollziehen, dass die aus dem Westen kommenden ersten Buddhisten von den Chinesen zunächst für Daoisten gehalten wurden. Heißt es doch ganz ähnlich bei Lao Zi im Da De Jing:

Die fünferlei Farben machen der Menschen Augen blind.
Die fünferlei Töne machen der Menschen Ohren taub.
Die fünferlei Würzen machen der Menschen Gaumen schal.
Rennen und jagen machen der Menschen Herzen toll.
Seltene Güter machen der Menschen Wandel wirr.
Darum wirkt der Berufene für den Leib und nicht fürs Auge.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.
(12. Vers)

Aberwitzige Handlungen gegen Erleuchtungsverse

So gerät das Lesen zu einem spannenden und anschaulichen Anschauungsunterricht sowohl der Geister- und Götterwelt der Chinesen als auch der Philosophie und religiösen Auffassungen.

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Wie nadelte/moxte man in China Blase 67 am gebundenen Fuß?

„Dreht den Fetus und erleichtert die Geburt“, lautet die bekannteste Wirkbeschreibung des Akupunkturpunktes Blase 67 Zhiyin (Leitfaden Chinesische Medizin).

Erstmals wird diese Wirkung von dem legendären Arzt Sun Si Miao genannt. Der lebte von 581 bis 682 n. Chr. Merkwürdigerweise wird diese spezielle Wirkung des Punktes in den chinesischen Akupunkturbüchern der folgenden Jahrhunderte nicht mehr erwähnt, selbst im „Großen Kompendium der Akupunktur“ (Zhen Jiu Da Cheng) von 1601 nicht.

Im „Großen Handbuch der Akupunktur“ von Peter Deadman u.a. (erschienen 2001) heißt es vielsagend: „Die hauptsächliche Anwendung von Bl 67 Zhiyin liegt allerdings in der Behandlung einer Fehlstellung des Fötus, für die er bekannt ist.“ Auffallend ist, dass die Autoren, die ansonsten akribisch historische Quellen angeben, diese Angabe hier schuldig bleiben.

Was steckt hinter der Nichterwähnung der Fetus drehenden Wirkung von Blase 67 über Jahrhunderte hinweg?

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Die mögliche Erklärung dafür: Etwa 80 Prozent der chinesischen Frauen wurden seit dem 13. Jahrhundert die Füße gebunden. Im Alter von 7 Jahren wurden den Mädchen die Fußknochen zertrümmert und die Füße derart gebunden, dass sie möglichst klein blieben und in zierliche „Lotus-Schuhe“ passten.

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Lotus-Schuhe im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln

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Gebundene Frauenfüße ohne Bandagen

Kleine Füße galten (den Männern) als hoch erotisch. Die Füße mussten mehr oder weniger ständig gebunden bleiben, damit sie nicht wieder in die Breite gingen. Folgeerkrankungen wie Entzündungen verliefen bei etwa 10 Prozent der Frauen tödlich. Frauen konnten mit diesen kleinen Füßen kaum gehen und waren an das Haus gebunden, reiche Frauen ließen sich tragen.

Mit anderen Worten: Der Akupunkturpunkt Blase 67 konnte an den völlig deformierten Füßen von Frauen Jahrhunderte lang nicht genadelt oder gemoxt werden. Zudem galt es in den letzten Jahrhunderten des chinesischen Kaiserreiches ohnehin als anstößig, unbekleidete Körperteile zu zeigen. Da gibt es die historischen Abbildungen, auf denen eine Frau hinter dem Vorhang dem Arzt den Arm herausstreckt, damit dieser einzig am Puls die Diagnose vornimmt. Die Behandlung war jedoch, zeitgenössischen Berichten zu Folge, meist nicht erfolgreich.

Es wäre interessant, herauszufinden, ob die Indikation in der medizinischen Versorgung und Geburtsvorbereitung im Familienrahmen auch an durch das Binden deformierten Füßen vorgenommen wurde. Möglicherweise ist dann diese volksheilkundliche Indikation in der heutigen Zeit wieder in die Akupunktur aufgenommen worden.

Text: Helmut Magel
Abbildungen:
– Gebundene Frauenfüße ohne Bandagen (Public Domain, https-//commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1800691)
– Lotus-Schuhe im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln, Foto © Helmut Magel
– Changde, Hunan, China, ca.1900-1919 (Public Domain, https-//commons.wikimedia.org)

Heute schon bewegt?

Jeder hat seine Erfahrungen mit “Sport”

“Ich geh mich dann mal quälen”, war der typische Ausspruch einer Bekannten, wenn sie “Sport machen” wollte. H. Dörnemann, der immerhin 111 Jahre alt wurde, für einen Mann ein erstaunliches Alter, empfand “Sport als Mord” – und trank jeden Tag ein Altbier (Westdeutsche Zeitung, 31.1.2007).

In meiner Schulzeit habe ich Sport hassen gelernt. 1946 geboren, wuchs ich in der Nachkriegszeit mit ihrer Mangelernährung auf, litt an der englischen Krankheit und X-Beinen, die mir als 4-jährigem Jungen “herausoperiert” wurden. Jahrelang musste ich nachts Streckschienen anlegen und tagsüber hohe Schnürschuhe tragen. Schulsport mit der Jagd nach “Urkunden” war eine Qual, Gymnastik ein Fremdwort. Sportunterricht gab den “Lahmen und Dicken” keine Chance, vielmehr das Gefühl, “Krücken” zu sein.

Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, als Erwachsener anderen Menschen Qigong zu lehren. Auf dem Weg dorthin lernte ich sanfte “Sport”-Arten kennen wie Jazzgymnastik, Ausdruckstanz und schließlich Taijiquan und Qigong. Es waren jedoch nicht nur Bewegungsabläufe, auf die es ankam, sondern das Spüren, das Gewahrwerden für das, was die Bewegung in und mit mir macht. Mit anderen Worten: das Fließen des Qi spüren.

Bambus und Kiefer

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Das erste Kapitel des chinesischen Medizin-Klassikers Neijing Suwen beginnt mit der Fragestellung, warum die Menschen “heute” früh sterben statt über 100 Jahre alt zu werden. Der Leibarzt des Kaisers Huangdi, Qibo, antwortet darauf:

„In der Vergangenheit praktizierten die Menschen das Dao, den Weg des Lebens. Sie verstanden das Prinzip des Gleichgewichts von Yin und Yang wie es sich in den Wandlungen der Energien des Universums widerspiegelt. Sie entwickelten Praktiken wie die des Daoyin, einer Kombination von Dehnungsübungen, Massage und Atemtechniken, um den Fluss der Energie zu unterstützen. Sie übten sich in Meditation, um in Einklang mit dem Universum zu kommen.” (Maoshing Ni (Hrsg.): Der Gelbe Kaiser, S. 16 f.)

Das lässt sich gut mit zwei Bäumen veranschaulichen. Der junge Bambus ist biegsam und bricht nicht. Altwerden heißt, nicht einzurosten, sondern die Elastizität bewahren und pflegen, sowohl im körperlichen als auch im geistigen Sinn. Die knorrige Kiefer, die fest verankert allen Unbill des Wetters trotzt. Sie wird auf chinesischen Tuschezeichnungen häufig hoch oben im Gebirge wachsend dargestellt und steht für die feste Verwurzelung. Ohne sie würde die Elastizität aus den Fugen geraten. Beides ergänzt sich wie Yin und Yang.

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Die Kiefer steht für die Materialisierung in einem jahrelangen kontinuierlichen Konkretionsprozess, der Bambus für Belebung, Bewegung und Entfaltung. “Ich werde, wie die äußere Welt, von dieser doppelten Spannung, die gegensätzlich ist, sich ausgleicht und mich am Leben erhält, geformt.” (Francois Jullien, Sein Leben nähren, S. 90).

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