Leidenschaften im alten China

Zur Ausstellung „Leidenschaften in der Kunst Ostasiens“ in Köln
In einer ästhetisch beeindruckenden Schau haben die Direktorin des Kölner Museums für Ostasiatische Kunst, Adele Schlombs, und ihre Stellvertreterin Petra Rösch 120 Werke aus der Sammlung des Museums zusammengetragen, die von der Liebe zu den Künsten, der Sehnsucht nach Freiheit und einem Leben in der Natur, von der Freude am erotischen Spiel bis hin zur Überwindung der Leidenschaften durch den Buddhismus handeln.

So spiegelt die Ausstellung Leidenschaft wider als eine das Gemüt ergreifende Emotion. Leidenschaften umfassen Formen der Liebe und des Hasses, aber auch religiösen und moralischen Enthusiasmus.

Am Beginn stehen die traumschönen Ideallandschaften, soll doch der Mensch nach daoistischer Lehre den „Staub der Welt“ abschütteln und zur Einheit mit der Natur finden: Einsiedler und kleine Behausungen am Fuß gewaltiger Berge, die sich im Dunst der Wolken verlieren. Die chinesische Landschaftsmalerei drückte die Sehnsucht nach einer idealen Welt ohne gesellschaftliche Zwänge und die Hoffnung auf Unsterblichkeit aus. Sie bot denen, die unter dem hierarchischen Beamtenapparat und den höfischen Intrigen litten, ein Refugium.

Landschaftstuschbild von Dong Qichang (1555–1636)

Der Tang-Dichter Han Yu (768-824) beschrieb diesen Rückzug von dem, was ihn „nicht freuen kann“:

„Ich verweile an kargen und ungestörten Orten 窮居而野處, steige in die Höhen und schaue ins Weite aus, verbringe meine Tage sitzend unter blühenden Bäumen, im kalten Quell badend reinige ich mein Selbst, sammle in der Schönheit des Gebirges meine Kost, und was ich beim Angeln in den frischen Wassern fange, reicht mir als Speise. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem ich mich erheben, oder ruhen müsste. In allem was da kommt ist Friede.“

Einige farbige Tuschzeichnungen in der Ausstellung illustrieren „Die wundersame Geschichte vom Pfirsichblütenquell“. Sie stammt von dem chinesischen Tang-Dichter Tao Yuanming 陶淵明 (365-427. n. Chr.) und geht etwa so:
Ein Fischer aus Wuling rudert mit seinem Boot einen Fluss stromaufwärts und gerät nach einiger Zeit durch Zufall in einen wunderschönen Hain von Pfirsichbäumen inmitten einer romantischen Felsenlandschaft.
Zufällig entdeckt er am Ende des Hains eine Felsspalte, die ihn in ein Paradies führt, in dem die Zeit still steht. Er trifft auf freundliche und gastfreie Menschen. Sie wohnen in Häusern, von fruchtbaren Feldern umgeben, in einer Landschaft von lieblichen Seen mit Bambus- und Maulbeerhainen. Die Menschen kennen keine gesellschaftlichen Hierarchien und leben in Glück und Harmonie. Sie leben an diesem Ort zwar abgeschieden von der Welt, aber glücklich und in Frieden.

Ideale Landschaft – Tuschzeichnung von Hu Chengyen (17. Jh.)

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Kaffee lässt Funken bis ins Gehirn sprühen (Balzac)

„Der Kaffee fällt sozusagen in Ihren Magen hinein, entflammt ihn förmlich und lässt die Funken bis ins Gehirn hinauf sprühen. Die Folge davon ist eine allgemeine Aufregung, die Gedanken kommen in eine Verwirrung wie die Bataillone der grossen Armee auf dem Schlachtfelde, und die Schlacht findet eben statt. Die Erinnerungen stürmen im Laufschritt eines heftigen Angriffs mit fliegenden Fahnen. Die leichte Kavallerie der vergleichenden Vorstellungen entfaltet sich in einem grossartigen Galopp, die Artillerie der Logik kommt mit ihrem Train und dem schweren Geschütz, die Geistesblitze sind sozusagen die Sprengbomben, die Figuren stellen sich auf, das Papier bedeckt sich mit Tinte, denn die nächtliche Arbeit beginnt jetzt, und sie endet ja mit ganzen Strömen von schwarzem Wasser so wie das Schlachtfeld mit schwarzem Pulver.“
(Honoré de Balzac)

Koffein gehört zu den psycho-aktiven Drogen

Damit reiht sich der Kaffee ein in die Gruppe der Stimulanzien. Koffein ist damit eine pharmakologisch aktive Substanz. Anregende Inhaltsstoffe finden wir über den Kaffee hinaus in Tee, Cola-Getränken, Mate, Energy-Drinks und in geringen Mengen auch im Kakao. Koffein ist weltweit das am häufigsten konsumierte Stimulanzium.

Tatsächlich lassen sich die von Balzac zugegebenermaßen dramatisch geschilderten Wirkungen des Kaffees aber durchaus bestätigen. Auch wenn wir nicht 50 Tassen am Tag trinken müssen, wie dies dem berühmten französischen Schriftsteller Honoré de Balzac (1799-1850) nachgesagt wird.

Je älter die Deutschen sind, desto häufiger trinken sie täglich Tee oder Kaffee, entsprechend fast alle über 60-Jährigen (97 %). Das steht im „Ernährungsreport 2017 – Deutschland, wie es isst“. US-amerikanische Gesundheitsforscher würden dem beipflichten, ihrer Meinung nach lebt länger, wer Kaffee trinkt. Zwei bis fünf Tassen Kaffee (bis zu 400 Milligramm Koffein), über den Tag verteilt, können entsprechend vieler Studien die Gesundheit fördern.

Positiv bestätigen lassen sich folgende Erkenntnisse

• Kaffee steigert die Wachheit
• Kaffee verbessert die Konzentrationsleistung und Merkfähigkeit, insbesondere das Kurzzeitgedächtnis.

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Gegen Räuber die Nadeln spielen lassen – Lobpreisung der „Reise in den Westen“

„Jetzt ist es am alten Sun, seine Nädelchen spielen zu lassen!“
„Aha, der Mönch ist eine Akupunkteur“, meinte einer der Räuber und rief: „Wir sind doch nicht krank, wozu eine Nadel?“
Der Mönch, „alter Sun“ holte daraufhin sein stecknadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwang es in den Wind und hielt eine Stange vom Durchmesser einer Reisschale in den Händen. Dann schrie er: „Stehengeblieben! Lasst auch den alten Sun seine Waffe ausprobieren.“
Entsetzt stoben die sechs Räuber in alle Richtungen.

Affenkönig Sun Wukong 孫悟空: „„Als steinernes Ei aus einem Felsen geboren, befruchtet vom Wind, geschaffen aus den reinen Essenzen des Himmels, den feinen Düften der Erde, der Kraft der Sonne und der Anmut des Mondes“.

81 Bewährungskämpfe gegen Geister und Dämonen

Ich musste herzlich darüber lachen, dass die Akupunktur in dem chinesischen Riesen-Roman „Die Reise in den Westen“, immerhin 1300 Seiten stark, vorkommt. Wer weiß, vielleicht wird die Akupunktur noch in den weiteren Kapiteln erwähnt, die ich noch nicht gelesen habe. Ich bin erst bis Seite 280 gekommen. Diesen phantasisch-komisch-bulesken Roman hat die Deutschschweizerin Eva Lüdi Kong wunderbar ins Deutsche übersetzt. Er liest sich wie eine Phantasy-Geschichte, stammt aber aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Es wimmelt nur so von Dämonen, Geistern, Göttern, Zauberern, aber auch Weisen und Mönchen. In den 100 Kapiteln werden 81 Bewährungen des Affenkönigs Sun Wukong bzw. des Mönches Tripitaka geschildert, den Hauptprotagonisten einer Pilgergruppe, die im Auftrag des chinesischen Kaisers Taizong 太宗 (7. Jh.) nach Westen, d.h. Indien, reisen, um dort von Buddha die heiligen Schriften zu erbitten. Auf dem Weg sind die tollsten Abenteuer zu bestehen.

Jorge Luis Borges schrieb; „Es gibt wohl kaum ein abergläubischeres Volk als das chinesische. Die weitläufigen realistischen Romane, die es hervorgebracht hat – so der Traum der roten Kammer –, wimmeln von Wundern, eben weil diese wirklich sind und weil man das Wunderbare nicht für unmöglich, nicht einmal für unwahrscheinlich.“ Und: „Nichts Charakteristischeres gibt es für ein Volk als seine Phantasien.“ Vielleicht gilt das auch für das Werk des Zeitgenossen des vermutlichen Autors der „Reise in den Westen“, dem Don Quijote des Miguel de Cervantes.

Die Übersetzerin der Reise in den Westen fügte dem Text Anmerkungen hinzu, die man nicht lesen muss, um den Gang der Handlung nachvollziehen zu können, aber wenn Sie wie ich sich seit über 30 Jahren mit chinesischer Philosophie und Medizin beschäftigen, sind die Anmerkungen sehr erhellend. Plötzlich erscheinen einem bekannte Begriffe des Daoismus und Buddhismus in Verbindung mit der spannenden Handlung geradezu bildlich vor Augen.

Die sechs Sinne sind sechs Räuber

Bleiben wir bei den Räubern. Die versperren dem alten Sun und seinem Meister Tripitaka den Weg, stellen sich jedoch auf nachfrage Suns artig vor: „Hör gut zu: Der Erste heißt Freudeschauendes Auge, der Zweite Zornhörendes Ohr, der Dritte Liebeschnuppernde Nase, der Vierte Gedankenschmeckende Zunge, der Fünfte Lustgewahrender Sinn, der Sechste Kummerverhafteter Körper.“ „Ach so, sechs kleine Räuberchen!“ spottete Sun Wukong.

Man kann einfach weiter lesen, aber auch kurz unterbrechen und die dazugehörige Fußnote von Eva Lüdi Kong lesen: „Im Buddhismus werden die sechs Sinne oft als „sechs Räuber“ bezeichnet, da sie durch die verwirrende Vielfalt der Wahrnehmungen den Zugang zur inneren Buddha-Natur verhindern. Der Begriff bezieht sich auf das Surangama Sutra, 4. Buch, in dem es heißt: „Was du gegenwärtig vor Augen, Ohren, Nase, Zunge sowie Leib und Herz gebrauchst, diese sechs sind Räuber, welche seinen inneren Schatz stehlen.“

Hier lässt sich nachvollziehen, dass die aus dem Westen kommenden ersten Buddhisten von den Chinesen zunächst für Daoisten gehalten wurden. Heißt es doch ganz ähnlich bei Lao Zi im Da De Jing:

Die fünferlei Farben machen der Menschen Augen blind.
Die fünferlei Töne machen der Menschen Ohren taub.
Die fünferlei Würzen machen der Menschen Gaumen schal.
Rennen und jagen machen der Menschen Herzen toll.
Seltene Güter machen der Menschen Wandel wirr.
Darum wirkt der Berufene für den Leib und nicht fürs Auge.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.
(12. Vers)

Aberwitzige Handlungen gegen Erleuchtungsverse

So gerät das Lesen zu einem spannenden und anschaulichen Anschauungsunterricht sowohl der Geister- und Götterwelt der Chinesen als auch der Philosophie und religiösen Auffassungen.

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Wie nadelte/moxte man in China Blase 67 am gebundenen Fuß?

„Dreht den Fetus und erleichtert die Geburt“, lautet die bekannteste Wirkbeschreibung des Akupunkturpunktes Blase 67 Zhiyin (Leitfaden Chinesische Medizin).

Erstmals wird diese Wirkung von dem legendären Arzt Sun Si Miao genannt. Der lebte von 581 bis 682 n. Chr. Merkwürdigerweise wird diese spezielle Wirkung des Punktes in den chinesischen Akupunkturbüchern der folgenden Jahrhunderte nicht mehr erwähnt, selbst im „Großen Kompendium der Akupunktur“ (Zhen Jiu Da Cheng) von 1601 nicht.

Im „Großen Handbuch der Akupunktur“ von Peter Deadman u.a. (erschienen 2001) heißt es vielsagend: „Die hauptsächliche Anwendung von Bl 67 Zhiyin liegt allerdings in der Behandlung einer Fehlstellung des Fötus, für die er bekannt ist.“ Auffallend ist, dass die Autoren, die ansonsten akribisch historische Quellen angeben, diese Angabe hier schuldig bleiben.

Was steckt hinter der Nichterwähnung der Fetus drehenden Wirkung von Blase 67 über Jahrhunderte hinweg?

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Die mögliche Erklärung dafür: Etwa 80 Prozent der chinesischen Frauen wurden seit dem 13. Jahrhundert die Füße gebunden. Im Alter von 7 Jahren wurden den Mädchen die Fußknochen zertrümmert und die Füße derart gebunden, dass sie möglichst klein blieben und in zierliche „Lotus-Schuhe“ passten.

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Lotus-Schuhe im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln

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Gebundene Frauenfüße ohne Bandagen

Kleine Füße galten (den Männern) als hoch erotisch. Die Füße mussten mehr oder weniger ständig gebunden bleiben, damit sie nicht wieder in die Breite gingen. Folgeerkrankungen wie Entzündungen verliefen bei etwa 10 Prozent der Frauen tödlich. Frauen konnten mit diesen kleinen Füßen kaum gehen und waren an das Haus gebunden, reiche Frauen ließen sich tragen.

Mit anderen Worten: Der Akupunkturpunkt Blase 67 konnte an den völlig deformierten Füßen von Frauen Jahrhunderte lang nicht genadelt oder gemoxt werden. Zudem galt es in den letzten Jahrhunderten des chinesischen Kaiserreiches ohnehin als anstößig, unbekleidete Körperteile zu zeigen. Da gibt es die historischen Abbildungen, auf denen eine Frau hinter dem Vorhang dem Arzt den Arm herausstreckt, damit dieser einzig am Puls die Diagnose vornimmt. Die Behandlung war jedoch, zeitgenössischen Berichten zu Folge, meist nicht erfolgreich.

Es wäre interessant, herauszufinden, ob die Indikation in der medizinischen Versorgung und Geburtsvorbereitung im Familienrahmen auch an durch das Binden deformierten Füßen vorgenommen wurde. Möglicherweise ist dann diese volksheilkundliche Indikation in der heutigen Zeit wieder in die Akupunktur aufgenommen worden.

Text: Helmut Magel
Abbildungen:
– Gebundene Frauenfüße ohne Bandagen (Public Domain, https-//commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1800691)
– Lotus-Schuhe im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln, Foto © Helmut Magel
– Changde, Hunan, China, ca.1900-1919 (Public Domain, https-//commons.wikimedia.org)

Heute schon bewegt?

Jeder hat seine Erfahrungen mit “Sport”

“Ich geh mich dann mal quälen”, war der typische Ausspruch einer Bekannten, wenn sie “Sport machen” wollte. H. Dörnemann, der immerhin 111 Jahre alt wurde, für einen Mann ein erstaunliches Alter, empfand “Sport als Mord” – und trank jeden Tag ein Altbier (Westdeutsche Zeitung, 31.1.2007).

In meiner Schulzeit habe ich Sport hassen gelernt. 1946 geboren, wuchs ich in der Nachkriegszeit mit ihrer Mangelernährung auf, litt an der englischen Krankheit und X-Beinen, die mir als 4-jährigem Jungen “herausoperiert” wurden. Jahrelang musste ich nachts Streckschienen anlegen und tagsüber hohe Schnürschuhe tragen. Schulsport mit der Jagd nach “Urkunden” war eine Qual, Gymnastik ein Fremdwort. Sportunterricht gab den “Lahmen und Dicken” keine Chance, vielmehr das Gefühl, “Krücken” zu sein.

Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, als Erwachsener anderen Menschen Qigong zu lehren. Auf dem Weg dorthin lernte ich sanfte “Sport”-Arten kennen wie Jazzgymnastik, Ausdruckstanz und schließlich Taijiquan und Qigong. Es waren jedoch nicht nur Bewegungsabläufe, auf die es ankam, sondern das Spüren, das Gewahrwerden für das, was die Bewegung in und mit mir macht. Mit anderen Worten: das Fließen des Qi spüren.

Bambus und Kiefer

Kiefer_am_Hang
Das erste Kapitel des chinesischen Medizin-Klassikers Neijing Suwen beginnt mit der Fragestellung, warum die Menschen “heute” früh sterben statt über 100 Jahre alt zu werden. Der Leibarzt des Kaisers Huangdi, Qibo, antwortet darauf:

„In der Vergangenheit praktizierten die Menschen das Dao, den Weg des Lebens. Sie verstanden das Prinzip des Gleichgewichts von Yin und Yang wie es sich in den Wandlungen der Energien des Universums widerspiegelt. Sie entwickelten Praktiken wie die des Daoyin, einer Kombination von Dehnungsübungen, Massage und Atemtechniken, um den Fluss der Energie zu unterstützen. Sie übten sich in Meditation, um in Einklang mit dem Universum zu kommen.” (Maoshing Ni (Hrsg.): Der Gelbe Kaiser, S. 16 f.)

Das lässt sich gut mit zwei Bäumen veranschaulichen. Der junge Bambus ist biegsam und bricht nicht. Altwerden heißt, nicht einzurosten, sondern die Elastizität bewahren und pflegen, sowohl im körperlichen als auch im geistigen Sinn. Die knorrige Kiefer, die fest verankert allen Unbill des Wetters trotzt. Sie wird auf chinesischen Tuschezeichnungen häufig hoch oben im Gebirge wachsend dargestellt und steht für die feste Verwurzelung. Ohne sie würde die Elastizität aus den Fugen geraten. Beides ergänzt sich wie Yin und Yang.

Bambus_im_Abendlicht

Die Kiefer steht für die Materialisierung in einem jahrelangen kontinuierlichen Konkretionsprozess, der Bambus für Belebung, Bewegung und Entfaltung. “Ich werde, wie die äußere Welt, von dieser doppelten Spannung, die gegensätzlich ist, sich ausgleicht und mich am Leben erhält, geformt.” (Francois Jullien, Sein Leben nähren, S. 90).

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Gelingendes Leben bedarf der Resonanz

Zum Buch „Resonanz“ von Hartmut Rosa

Zeitknappheit, Stress und Hektik gehört zur alltäglichen Erfahrung. Dem Modus des Immer-schneller kann nur mit der Gegenstrategie „Entschleunigung“ begegnet werden, um den permanenten Stress zu lindern. Reicht aber mehr Langsamkeit? Hartmut Rosa sagt in seinem Buch „Resonanz“: Nein, weil es nicht einfach um Langsamkeit geht. Es geht um eine andere Beziehung zur Welt. Was kann eine „neue Beziehung zur Welt“ sein?

Ein Beispiel: Kinder sind ganz stark „Resonanz-Wesen“. Sie leben von den lebendigen Begegnungen mit anderen Menschen und lassen sich bezaubern von Erzählungen. Ihnen erscheinen die Dinge des Alltags noch geheimnisvoll und erweckend ihre ständige Neugierde.

Resonanz bringt etwas in uns zum Schwingen

Unweigerlich fällt mir der berühmte Vierzeiler von Eichendorff ein, in dem er die Suche nach der verborgenen Poesie der Welt zum Klingen bringt:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Kinder lassen sich spontan auf ihre Umgebung ein, ohne dass sie das erst abwägen müssen. Kurz: sie treten in Resonanz mit der Welt. Als Erwachsene steckt diese kindliche Erfahrung immer noch in uns und wird zum Nährboden einer Sehnsucht nach eben jener in der Kindheit erfahrenen Resonanz.

Resonanz hat für Rosa immer einen Moment der Unverfügbarkeit, sie lässt sich nicht vollständig planen, ja, das Planen und Kontrollieren verhindert sogar, uns in Begegnungen mit Anderen, mit Orten, Musik, mit der Natur berühren zu lassen. Resonanz bringt etwas in uns zum Schwingen.

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Holunderblüten – jetzt backen

Der Frühsommer zeigt sich an den blühenden Gräsern, dem Schlehdorn und Holunder. Die Blütendolden des Holunders können Sie in Teig ausbacken und zum Beispiel mit Erdbeersauce essen, denn Erdbeeren gibt es jetzt frisch zu kaufen.

So wird es gemacht:

Holunderbluete
1. Blütendolden abschneiden, ausschütteln (damit kleine Tiere herausfallen).
2. Einen Teig aus Mehl, halb Wasser und halb Milch mit Vanillezucker anrühren, nicht zu fest und nicht zu flüssig.
3. Ein Ei trennen: Eigelb in dem Teig verrühren, Eiweiß mit dem Mixer steif schlagen und unter den Teig ziehen.
4. Öl in einem Topf, dessen Durchmesser für die Dolde groß genug ist, daumendick füllen und heiß werden lassen.
5. Einzelne Dolde am Stiehl fassen, in den Teig tunken, etwas abtropfen lassen und in das Öl geben, kurz an den Boden drücken (damit sich sich Dolde in der Breite entfaltet) und ausbacken (1 – 2 Minuten).
6. Ausgebackene Dolde auf saugfähigem Küchen-Krepp ablegen.
7. Erdbeeren putzen und vom Stiehlansatz befreien, pürieren, evtl. etwas Honig zufügen.
8. Erdbeersauce und gebackene Dolde auf dem Teller anrichten.
9. Guten Appetit

Holunderblueten-Baum
Holunderblüten sind ein Heilkraut

Sie dienen getrocknet als wirksames Heilkraut zur Behandlung von Erkältungen, grippalen Infekten mit Schnupfen und Halsentzündung, auch bei Heuschnupfen. Darüber hinaus lassen sie sich einsetzen bei rheumatischen Beschwerden. Ihr Temperaturverhalten ist kühl, ihr Geschmack aromatisch und süß.

Holunderblüten können im Bedarfsfall frisch mit heißem Wasser übergossen werden, dann ziehen lassen und nach ca. 5 Min. abseihen und trinken.

Holunderblueten-Infus

Mein intelligenter Kühlschrank

Nicht mehr der Herd, sondern der Kühlschrank ist der Mittelpunkt der Küche.

Nicht mehr der Herd, sondern der Kühlschrank ist der Mittelpunkt der Küche.

„Guten Tag,
Firma Biofrost. Ihr Kühlschrank hat sich gemeldet. Sie benötigen Nachschub. Wir haben alles den aktuellen Daten Ihrer Smart-Watch angepasst. Schließlich wollen Sie doch am Monatsende den Bonus Ihrer Krankenkasse erreichen… äh, wird alles automatisch von ihrem Konto abgebucht, wie immer. Schönen Tag noch und nutzen Sie das Wetter. Viel Spaß beim Fitnessprogramm. Sie schaffen das schon. …
Ja, dann auf Wiedersehen.“

Einkaufen gehen – das war gestern.

Ausgebrannt – Burnout

Erste Anzeichen von Erschöpfung haben Sie sicher schon selbst erlebt. In der Regel verschwinden sie nach einer Ruhepause, einem längeren Urlaub oder einer Veränderung der Arbeitssituation.

Erschöpfungs-Spirale

Ein gewisses Maß an Stress hält jeder Mensch aus. Zu viel Stress kann sich jedoch durch körperliche Symptome wie Rücken- oder Magenschmerzen, Muskelverspannungen, Tinnitus oder erhöhter Infekt-Anfälligkeit bemerkbar machen.

Wenn Sie aufgrund Ihrer individuellen Konstitution und einer extremen Arbeitsbelastung in die zweite Phase der Erschöpfungsspirale geraten, dann bekommen Sie Schlafstörungen, leiden unter Konzentrationsmangel und sind permanent müde oder gereizt. Eine typische Reaktion auf diese Symptome ist, sich noch mehr in Arbeit zu stürzen. Dann gerät man in die dritte Phase der Erschöpfungsspirale, die meist mit Depression verbunden ist.

Umfragen zufolge fühlen sich etwa 13 % aller Beschäftigten in Deutschland mit ihrer Arbeit überfordert. Insofern ist die öffentliche Aufmerksamkeit gegenüber dem Burnout durchaus hilfreich, weil sie vielen Arbeitnehmern hilft, psychische Beschwerden zu artikulieren, auch solchen, die ohne diesen Begriff das Thema meiden würden.

Das Burnout-Syndrom und andere stressbedingte Erkrankungen werden laut WHO eine zentrale Rolle in der Gesundheitsversorgung des 21. Jahrhunderts spielen.

Im DAK-Gesundheitsreport 2013 heißt es: „Die mit Abstand auffälligste Entwicklung im Arbeitsunfähigkeitsgeschehen ist die Zunahme von Fehltagen aufgrund einer psychischen Diagnose. Diese Zunahme betrifft die Fehltage (seit 1997 Zunahme um 165 Prozent), die Fälle (Zunahme um 142 Prozent) und die Betroffenenquote (Zunahme um 131 Prozent) gleichermaßen. 2012 sind die psychischen Erkrankungen erstmals auf Rang 2 der wichtigsten Ursachen für Arbeitsunfähigkeit, gemessen an ihrem Anteil an den Fehltagen. Nur Muskel-Skelett-Erkrankungen verursachen noch mehr Arbeitsunfähigkeitstage.

Frauen sind fast doppelt so häufig von einer Arbeitsunfähigkeit wegen einer psychischen Diagnose betroffen wie Männer (5,9 zu 3,3 Prozent)“.

Engagiert ausbrennen

Vor allem sind es die Engagierten und Fleißigen, die es trifft, nach dem Motto „nur wer für seine Sache brennt, kann auch daran ausbrennen“. Engagiert und euphorisch hehre Ziele verfolgen, Überstunden machen, sich an Hindernissen aufreiben, dem Konkurrenzdruck, Ärger mit dem Chef, Problemen mit Kollegen Stand halten, die zunehmende Frustration ignorieren…
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Was der Sommer uns zu bieten hat: Ernährung nach TCM-Gesichtspunkten

Am 1. Juni beginnt meteorologisch der Sommer, auch wenn es sich im Mai sehr wechselhaft und zuweilen kalt war. Der Sommer mit Sonne und Wärme wird jedoch kommen. Der Sommer ist die Jahreszeit, in der wir uns am häufigsten im Garten oder im Freien aufhalten. In der Fünf-Elemente-Lehre entspricht der Sommer dem Feuer-Element. Ihm ist die Freude zugeordnet. Erfreuen wir uns also der bunten Natur draußen und auf unserem Teller. Ernähre Dich entsprechend der Jahreszeit, heißt ein Grundsatz der Chinesischen Medizin.

Für den Sommer bedeutet das, Obst und Früchte zu essen, frische Gemüse und Blattsalate, leicht bekömmliche Speisen, die dem erhöhten Flüssigkeitsbedarf des Körpers und seiner Dynamik entsprechen.

Frischer Salat
Blattsalate und Früchte
Das heißt nicht, ausschließlich Rohkost zu essen. Wenn Ihr Verdauungssystem wenig belastbar ist und Sie eher zum Frieren neigen, ist es ratsam, weniger Rohes und möglichst oft Gedünstetes oder Gekochtes zu essen. In jedem Fall günstig ist, rohe Anteile wie frische Blattsalate oder auch Früchte, die eher erfrischend und kühlend wirken, in Kombination mit Gekochtem zu essen.
Ganz simpel: Gekochte Kartoffeln und Blattsalat oder Blumenkohl „al dente“ mit Essig und Öl. Solche Salate lassen sich gut mit zur Arbeit nehmen und mittags essen. Statt einer Vinaigrette geht auch Zaziki, der kühlend, befeuchtend und zugleich verdauungsfördernd wirkt.
Der Sommer ist Früchtezeit. Ob süß oder sauer, saftig und farbenfroh – Früchte bereichern den Speisezettel als Obstsalat, Fruchtsuppe, auf Pfannekuchen oder im Müsli. Paradiesapfel wird die Tomate genannt, deren Zeit im Juli beginnt. Sie passt in den französischen Sommereintopf Ratatouille, zusammen mit Paprika, Zucchini, Tomaten, Zwiebeln, frischen Kräutern und Knoblauch.

Garten im Sommer

Essen und Trinken draußen

Zum Sommer gehört Geselligkeit mit Essen und Trinken unter freiem Himmel. Das ist eine Zeit der guten Laune, die ansteckend wirkt. Folgerichtig gehören in der chinesischen Entsprechungslehre Lachen und Freude, das Herz, die Farbe Rot und der Süden zu dieser Jahreszeit. Und der bittere Geschmack gehört dazu. Wir finden ihn im Espresso und in vielen Blattsalaten.
Wenn Sie grillen möchten: der Grill kann mehr als nur Fleisch grillen. Kleine geschälte Zwiebel einschneiden, mit Rosmarion und etwas Butter oder Olivenöl, eingepackt in Grillfolie, 15 Minuten in die nicht mehr heiße Glut legen. Nur 5 Minuten benötigt Blattgemüse wie Spinat, Rucola, Mangold mit etwas Olivenöl und Meersalz. Falls Sie auf Fleisch nicht verzichten mögen, wählen Sie Geflügel oder Fisch. Das ist besser verdaulich und belastet weniger.

Das Herz schützen

Hochsommerliche Temperaturen können dem Herz-Kreislaufsystem zusetzen und beeinträchtigen die Wärmeregulierung des Körpers, vor allem bei hoher Luftfeuchtigkeit. Am besten gehen Sie der Hitze aus dem Weg und suchen Schatten auf, halten die Zimmer kühl und achten auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr. Trinken Sie statt eiskalter Getränke moderat warmes Wasser oder Schorle oder Gemüsebrühen.

In sehr heißen Ländern trinken die Menschen traditionell Pfefferminztee. Der wirkt kühlend treibt die Hitze über die Hautporen nach außen und verhindert ihre „Verknotung“ im Inneren. Kühlend und das Herz beruhigend sind Heilkräuter wie Zitronen-Melisse, am besten frische Blätter. Gut kombinieren lassen sie sich mit dem etwas bitterer schmeckenden getrockneten Hopfen und aromatischen Lavendelblüten.

Sommer

Sommer kurz gefasst

Eigenschaften: Sonne, Wärme, Strand, Blütenduft, lange Abende im Freien, Urlaubsfreuden, schattiger Ruheplatz

Generallinie: leicht verdauliche Speisen, die die kühlende Kraft des Körpers unterstützen, bei Hitze das Schwitzen fördern und die Säftebildung fördern

Saisonale Nahrungsmittel
Speisen-Vorschläge:
Gekochte Kartoffeln und Blattsalat
Ratatouille
Blumenkohl gekocht mit Vinaigrette
Tomaten-Basilikum-Salat
Grüne-Bohnen-Salat
Salade niçoise
Minestrone
Moussaka
Grill-Gemüse
Erbsen- und Dicke-Bohnen-Mus
Gazpacho
Tarator (kalte Gurkensuppe)
Auberginenmus
Gefüllte Paprika geschmort
Fenchelsalat
Dicke Bohnen mit Speck, Zwiebel

Fruchtsuppe
Obstsalat
Obstpfannkuchen
Brombeercrème
Gerstenbrei mit Beeren

Saucen/Dips:
Vinaigrette
Zaziki
Öl-Joghurt-Zitonen-Sauce

Gemuesegarten
Die Sommer-Saison hat uns eine breite Palette an Gemüse und Obst zu bieten

Chinakohl
Eis- und Kopfsalat, Lollo Rosso
Mangold, Spinat
Blumenkohl, Brokkoli
Rübstiel
Spitzkohl, Weißkohl
Sommerwirsing
Aubergine
Paprika
Salatgurken
Tomaten
Zucchini
Stangensellerie
Fenchelknolle
Karotten
Rote Bete
Stangenbohnen
Dicke Bohnen
Erbsen
Champignons

Äpfel
Aprikosen
Birnen
Brombeeren
Erdbeeren
Heidelbeeren
Himbeeren
Holunderbeeren
Melonen

Fotos in diesem Beitrag: Helmut Magel