Gelingendes Leben bedarf der Resonanz

Zum Buch „Resonanz“ von Hartmut Rosa

Zeitknappheit, Stress und Hektik gehört zur alltäglichen Erfahrung. Dem Modus des Immer-schneller kann nur mit der Gegenstrategie „Entschleunigung“ begegnet werden, um den permanenten Stress zu lindern. Reicht aber mehr Langsamkeit? Hartmut Rosa sagt in seinem Buch „Resonanz“: Nein, weil es nicht einfach um Langsamkeit geht. Es geht um eine andere Beziehung zur Welt. Was kann eine „neue Beziehung zur Welt“ sein?

Ein Beispiel: Kinder sind ganz stark „Resonanz-Wesen“. Sie leben von den lebendigen Begegnungen mit anderen Menschen und lassen sich bezaubern von Erzählungen. Ihnen erscheinen die Dinge des Alltags noch geheimnisvoll und erweckend ihre ständige Neugierde.

Resonanz bringt etwas in uns zum Schwingen

Unweigerlich fällt mir der berühmte Vierzeiler von Eichendorff ein, in dem er die Suche nach der verborgenen Poesie der Welt zum Klingen bringt:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Kinder lassen sich spontan auf ihre Umgebung ein, ohne dass sie das erst abwägen müssen. Kurz: sie treten in Resonanz mit der Welt. Als Erwachsene steckt diese kindliche Erfahrung immer noch in uns und wird zum Nährboden einer Sehnsucht nach eben jener in der Kindheit erfahrenen Resonanz.

Resonanz hat für Rosa immer einen Moment der Unverfügbarkeit, sie lässt sich nicht vollständig planen, ja, das Planen und Kontrollieren verhindert sogar, uns in Begegnungen mit Anderen, mit Orten, Musik, mit der Natur berühren zu lassen. Resonanz bringt etwas in uns zum Schwingen.

Genau solche Schwingungen kommen zum Stillstand, wenn wir verzweifelt die Alltagsanforderungen zu bewältigen versuchen und durch die Welt hetzen. Der instrumentelle und Manipulierende Zugriff auf die Welt bringt die Menschen und Dinge zum Verstummen und verunmöglicht die Schwingungen. Je mehr die moderne Gesellschaft die Sehnsucht nach Resonanz durch den instrumentellen Zugriff auf die Welt zu stillen versucht, entfernt sie sich zugleich immer mehr davon, Resonanz zu erfahren.

Was wäre ein gelingendes Leben?

Zu Resonanz 2 - Zeichnung © Helmut Magel
Einerseits gehört dazu nach Rosa die Erfahrung von Resonanz, die immer nur in Beziehungen entstehen kann. In diesen Resonanz-Beziehungen bleibt der oder auch das jeweilige Andere eigenständig und spricht mit eigener Stimme.

Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass Menschen ihre Welt, ihr Leben, ihr Handeln und ihre sozialen Beziehungen immer dann als gelingend oder erfüllend erleben, wenn sie Resonanzerfahrungen machen. Dazu zählen etwa Naturerfahrungen (wie zum Beispiel Momente des „Einklangs“ auf Berggipfeln oder an Meeresstränden), aber auch ästhetische (insbesondere musikalische) Erfahrungen sowie Gemeinschafts- und religiöse Erlebnisse. Über solche Resonanzen vergewissern sich Menschen eines Einklangs mit sich selbst und der Harmonie mit „der Welt“.

Resonanz beschränkt sich nicht nur auf soziale Beziehungen, Liebe oder Freundschaft. Es geht auch um die Weise, wie wir mit Objekten umgehen, und um eine Grundbeziehung zum Leben selbst.

Resonanz als Grundmotiv der chinesischen Kultur

Ich habe mich gefragt, inwieweit der von Rosa entwickelte Begriff der Resonanz verwandt ist mit dem Begriff ganying 感應, der mit Resonanz übersetzt werden kann und in der Chinesischen Philosophie und Medizin eine große Rolle spielt.

Das Thema ist in der chinesischen Geistesgeschichte in unterschiedlichsten Formen entwickelt worden, wobei die konfuzianischen Ausprägungen stärker das Regelhafte, die daoistischen stärker das Schöpferische betonen. Ying 應 kann als ein Grundmotiv der gesamten chinesischen Kultur gelten.

Das Resonanz-Geschehen ganying 感應 lehnt sich an die musikalische Erfahrung an und wird als ein Anrühren einerseits und ein Widerhallen als Antwortereignis andererseits aufgefasst. Dazu passt der Charakter der chinesischen Sprache als „allusiv“, anspielend.

In der Akustik spricht man von Resonanz, wenn ein Klangkörper schwingt und dadurch ein anderer Körper in Schwingung versetzt wird. Diese Wechselseitigkeit gibt es in dem Resonanzbegriff Rosa´s auch: Die Welt erreicht mich, und ich kann die Welt erreichen.

Man könnte sagen: Ich mache Resonanzerfahrungen im Wald, am Meer, in den Bergen, vielleicht in meinem Gemüsegarten. Ich erfahre mich in der Natur als Teil eines lebendigen Kosmos. Für andere ist es Kunst oder Literatur, wo sie sich vergewissern, dass sie lebendig sind.

Resonanz, Muße und wu wei 無為
Das erinnert mich an Muße. In der Muße scheinen aktive Bewegung und beruhigte Hingabe zu harmonisieren. Beides, Bewegung und Hingabe, gehen wesentlich in das ein, was man die besondere Gestimmtheit der Muße nennen kann. Für die Resonanz gilt das gleiche.

Shi-Ke

Der berühmte Zen-Meister Dogen (1200-1253) beschrieb ein anschauliches Bild, in dem Ich und Leben in untrennbarer wechselweisen Resonanz hervortreten:

„Leben ist, wie wenn jemand in einem Boot dahingleitet. Auf diesem Boot gebrauche ich ein Segel und lenke mit einem Ruder. Auch wenn ich mich mit einem Stab fortstoße, so trägt mich das Boot und ich bin nichts außer dem Boot. Indem ich in dem Boot dahingleite, lasse ich dieses Boot Boot sein. Diese richtige und treffende Zeit ist bemüht auszuprobieren und inständig zu lernen. In dieser richtigen und treffenden Zeit ist das Boot niemals nicht die Welt. Himmel wie Wasser wie Küste sind alle die Zeiten des Bootes. Sie sind nicht gleich den übrigen Zeiten, die nicht das Boot sind. Daher ist Leben, was ich leben lasse und ich bin, was Leben mich sein lässt. Beim Bootfahren sind Leib und Herz, Umgebung und ich selbst, beide das in sich bewegte Gefüge der Momente des Bootes. Die ganze große Erde und der ganze leere Himmel, beides ist das in sich bewegte Gefüge der Momente des Bootes. Das Ich, das Leben ist, und das Leben, das ich bin, sind auf diese Weise.“ (Diese Übersetzung fand ich in einem Beitrag des Philosophen und Sinologen Rolf Elberfeld über die „Handlungsform der Muße“).

Ist das nicht am Ende eine Beschreibung des berühmten „wu wei“? Dem absichtslosen Handeln? Das wäre eine weitere Diskussion wert.

Ausblick

Rosa stellt in seinem Buch eine Soziologie der Weltbeziehung vor, die Resonanz als Möglichkeit entwickelt, in der zunehmend fremd gewordenen verstummenden Welt und Gesellschaft mehr Lebensqualität zu entfalten. Es geht letztlich um die Möglichkeit von Erfahrungen, welche die Spaltungen zwischen Selbst und Welt, Körper und Geist zu überwinden vermag. Damit kommen wir in die Nähe der chinesischen Philosophie, die vom tiefen Einklang, also Resonanzerfahrung, des Menschen im Kosmos ausging.

Quellen:

58626

Hartmut Rosa: Resonanz – Eine Soziologie der Weltbeziehung http://www.suhrkamp.de/buecher/resonanz-hartmut_rosa_58626.html

Hartmut Rosa: Resonanz statt Entfremdung: Zehn Thesen wider die Steigerungslogik der Moderne
http://www.kolleg-postwachstum.de/

http://www.deutschlandradiokultur.de/soziologe-rosa-ueber-sein-buch-resonanz-entschleunigung-ist.1008.de.html?dram:article_id=347513 (Interview Deutschlandradio | Beitrag vom 05.03.2016)

Rolf Elberfeld: Resonanz als Grundmotiv ostasiatischer Ethik
https://www.bu.edu/wcp/Papers/Asia/AsiaElbe.htm

Dogen: Shobogenzo – Ausgewählte Schriften. Anders Philosophieren aus dem Zen.
Zweisprachige Ausgabe. Übersetzt, erläutert und herausgegeben von Rolf Elberfeld.
https://www.frommann-holzboog.de/einzelausgaben/110002110

Rolf Elberfeld: Zur Handlungsform der „Muße“. Ostasiatische Perspektiven jenseits von Aktivität und Passivität, in: Paragrana. Internationale Zeitschrift für Historische Anthropologie, 16:2007, Heft 1, Thema „Muße“, 193-203.

Abbildungen:

Zeichnungen  © Helmut Magel

Dieser Beitrag wurde unter Buchbesprechungen, Das Leben nähren - Yang Sheng, Philosophie west-östlich abgelegt am von .

Über Helmut Magel

Ich bin seit über 25 Jahren Heilpraktiker, arbeite in meiner Praxis mit Akupunktur, Kräutertherapie, Tuina und Diätetik. Geboren 1946, lernte ich ursprünglich Verlagsbuchhändler (daher die Liebe zur Literatur), studierte Visuelle Kommunikation an der Werkkunstschule Wuppertal (davon blieben das Zeichnen, Fotografieren und die Kalligrafie), fügte noch ein Lehrer-Studium hinzu, das ich mit der 2. Staatsprüfung abschloss (davon blieb das Unterrichten und die Freude daran, später die Leitung einer Akupunkturschule und das Schreiben). In den 80er Jahren kam ich mit Taijiquan in Kontakt, verfiel schließlich der chinesischen Philosophie und Medizin und wurde Heilpraktiker für TCM und Lebensberatung. Im Laufe der Jahre schrieb ich zahlreiche Artikel und Buchbeiträge zur Chinesischen Medizin. Mit dem Blog möchte ich mich aktiv beteiligen an der Diskussion um ein humanes Gesundheitssystem und an der Frage, wie wir unsere geistige und körperliche Elastizität pflegen und möglichst lange bewahren können. (April 2016) Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen, lesen Sie unter "Über mich" weiter.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.