Leidenschaften im alten China

Zur Ausstellung „Leidenschaften in der Kunst Ostasiens“ in Köln
In einer ästhetisch beeindruckenden Schau haben die Direktorin des Kölner Museums für Ostasiatische Kunst, Adele Schlombs, und ihre Stellvertreterin Petra Rösch 120 Werke aus der Sammlung des Museums zusammengetragen, die von der Liebe zu den Künsten, der Sehnsucht nach Freiheit und einem Leben in der Natur, von der Freude am erotischen Spiel bis hin zur Überwindung der Leidenschaften durch den Buddhismus handeln.

So spiegelt die Ausstellung Leidenschaft wider als eine das Gemüt ergreifende Emotion. Leidenschaften umfassen Formen der Liebe und des Hasses, aber auch religiösen und moralischen Enthusiasmus.

Am Beginn stehen die traumschönen Ideallandschaften, soll doch der Mensch nach daoistischer Lehre den „Staub der Welt“ abschütteln und zur Einheit mit der Natur finden: Einsiedler und kleine Behausungen am Fuß gewaltiger Berge, die sich im Dunst der Wolken verlieren. Die chinesische Landschaftsmalerei drückte die Sehnsucht nach einer idealen Welt ohne gesellschaftliche Zwänge und die Hoffnung auf Unsterblichkeit aus. Sie bot denen, die unter dem hierarchischen Beamtenapparat und den höfischen Intrigen litten, ein Refugium.

Landschaftstuschbild von Dong Qichang (1555–1636)

Der Tang-Dichter Han Yu (768-824) beschrieb diesen Rückzug von dem, was ihn „nicht freuen kann“:

„Ich verweile an kargen und ungestörten Orten 窮居而野處, steige in die Höhen und schaue ins Weite aus, verbringe meine Tage sitzend unter blühenden Bäumen, im kalten Quell badend reinige ich mein Selbst, sammle in der Schönheit des Gebirges meine Kost, und was ich beim Angeln in den frischen Wassern fange, reicht mir als Speise. Es gibt keinen Zeitpunkt, an dem ich mich erheben, oder ruhen müsste. In allem was da kommt ist Friede.“

Einige farbige Tuschzeichnungen in der Ausstellung illustrieren „Die wundersame Geschichte vom Pfirsichblütenquell“. Sie stammt von dem chinesischen Tang-Dichter Tao Yuanming 陶淵明 (365-427. n. Chr.) und geht etwa so:
Ein Fischer aus Wuling rudert mit seinem Boot einen Fluss stromaufwärts und gerät nach einiger Zeit durch Zufall in einen wunderschönen Hain von Pfirsichbäumen inmitten einer romantischen Felsenlandschaft.
Zufällig entdeckt er am Ende des Hains eine Felsspalte, die ihn in ein Paradies führt, in dem die Zeit still steht. Er trifft auf freundliche und gastfreie Menschen. Sie wohnen in Häusern, von fruchtbaren Feldern umgeben, in einer Landschaft von lieblichen Seen mit Bambus- und Maulbeerhainen. Die Menschen kennen keine gesellschaftlichen Hierarchien und leben in Glück und Harmonie. Sie leben an diesem Ort zwar abgeschieden von der Welt, aber glücklich und in Frieden.

Ideale Landschaft – Tuschzeichnung von Hu Chengyen (17. Jh.)

Die Geschichte endet damit, dass viele versuchten, die Felsspalte wieder zu finden, sie aber nie gefunden haben. Bleibt als irdischer Trost nur der Rückzug aus den Ämtern, die Hinwendung zu Dichtung, Chrysanthemenzucht und Weingenuss, wie sie der Maler Ren Yi 任頤 (1840–1896) in seinen Tuschezeichnungen feiert:

Ren Yi (Ren Bonian): Die Flöte spielend (1860-80)

Tao Yuanming war Beamter und entzog sich dann aber dem korrupten Beamtenleben, um abgeschieden auf einem Landsitz zu leben: „ein Fleckchen Land und Hütten, strohgedeckt“, „das Feld gepflügt, die Saat gesät“. Damit wurde er zum Ideal nachfolgender Literaten und durchaus auch intellektueller Beamter. Nach seinem Vorbild entstanden viele Privatgärten, die als Orte des Studiums der Literatur und Künste dienten.

Ein Garten war auch Hunderte von Jahren später dem französischen Philosophen Voltaire letztlich doch noch ein Ausweg aus einer Welt unausrottbarer Unverbesserlichkeit des Menschen: „Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden.“

Der gelehrte lehnt sich an die Kiefer an (Hu Chengyen, 1622)

Im Thementeil zu Liebe und Sex sind die expliziten Werke freilich hinter einem roten Vorhang verborgen, um sie – so die Tafel an der Wand – vor den Augen von Kindern und Jugendlichen unter 16 Jahren zu schützen. Körperliche Leidenschaft, Liebesspiel, Eifersucht und Voyeurismus sind Themen der ausgestellten Drucke des erotischen Albums des Japaners Suzuki Harunobu 鈴木 春信. Darin fehlen auch Darstellungen gleichgeschlechtlicher Liebe nicht.

Suzuki Harunobu: Frau bewundert Pflaumenblüten in der Nacht

Gesellschaftsspiele und andere Vergnügungen sind ein weiteres Themenfeld der Ausstellung. Gesellschaftsspiele förderten und kultivierten die soziale und gesellschaftliche Einbindung in die Gruppe.
Das Schachspiel bzw. Brettspiele und die Musik nahmen bei Konfuzius einen hohen Rang ein, um die Menschen im Innersten zu erfreuen. In den Gesprächen des Konfuzius heißt es:
„Richte Dein Herz auf den Weg,
verlasse Dich auf seine Kraft (wörtl.: Tugend),
stütze Dich auf Güte
und erfreue Dich an den Künsten.“

Der Spruch legt nahe, dass die Beschäftigung mit den Künsten ein Mittel zur Vervollkommnung der Tugend ist. Schreibkunst, Musik (besonders das Zitherspiel), Schach und Malerei galten als die Vier Künste (Siyi), deren Beherrschung für den Gelehrten ein Muss war.

Ein Topf aus Blauweiß-Porzellan zeigt in der Ausstellung Illustrationen dieser vier Künste.
Das Ziel des konfuzianischen Bildungsideals war nicht die Aneignung professioneller Fähigkeiten, sondern die Kultivierung der eigenen Persönlichkeit und des Charakters. Entsprechend propagiert der Stellschirm mit einer Kalligrafie des japanischen Künstler Cho Tosai 趙陶斎 (1713 – 1786) in vier Zeichen eine wichtige konfuzianische Maxime:
„Die Tugend hoch halten / sich an den Künsten erfreuen“.

Im letzten Kapitel der Ausstellung steht der Buddhismus im Vordergrund. Dem Buddhismus ging es um die Befreiung von den Leidenschaften, die Anhaftungen an das Weltliche und damit auch die Leidenschaften selbst aufzulösen. Unwissenheit und Begierde gelten als grundlegende Übel, die andere wie Zorn, Eifersucht und Trunkenheit nach sich ziehen. Personifiziert zeigen sich diese Übel in einigen buddhistischen Gottheiten wie dem Fudo Myoo 不動明王 mit unangenehmem Ausdruck und Gebärden, welche eben diese Anhaftungen widerspiegeln.

Prospekt-Titel zur Ausstellung: Ying Ying aus dem West-Zimmer.

Das Titelbild des Ausstellungsplakates zeigt die berühmte Ying Ying 鶯鶯 aus dem Drama „Das West-Zimmer“ (xi xiang ji 西廂記). Die Geschichte um diese Frau geht zurück auf die Geschichte „Schicksalhafte Begegnung“ von Yuan Zhen aus der Tang-Zeit (8.-9. Jh.):

Ying Ying, die zunächst zögert, auf das Liebeswerben eines Studenten einzugehen, kapituliert schließlich angesichts der Verzweiflung des Studenten, jemals ihre Liebe zu gewinnen. Die Umworbene bietet sich ihm schließlich in einer Nacht an.

Ying Ying wird von Yuan Zhen, dem Autor, so gezeichnet, als  habe sie zwei Selbst: Ein Selbst hält an der konfuzianischen Moral des richtigen Verhaltens für eine junge Frau fest, und das andere Selbst sucht individuelle Erfüllung und Rebellion gegen die moralischen Normen der Selbstbeherrschung. Sie erkennt, dass ihre Liebe nach dem doppelten Standard für Männer und Frauen in ihrer Gesellschaft verloren ist. Am Ende finden beide Liebenden – voller Sehnsucht – nicht mehr zusammen.

Anders dagegen endet die Nachdichtung durch Wang Shifus. Sein Drama „Das West-Zimmer“ (14. Jh.) lässt die beiden Liebenden schließlich zu einem Paar zusammenfinden. Szenen aus dem Liebesdrama illustrierte Min Qiji (tätig 1580-1661) originell und einfallsreich. Das Album dieser Farbholzdrucke des Kölner Museums ist einzigartig, kein weiteres Exemplar ist überliefert.

(Geschrieben 14.1.2017)

 

Bild-Nachweise

Liebespaar vor Stellschirm: Prospektseite des Mseums für ostasiatische Kunst Köln (MOK) zur Ausstellung „Leidenschaften in der Kunst Ostasiens“ 2016-17

Landschaftstuschbild von Dong Qichang: Source=Transferred from [http://de.wikipedia.org de.wikipedia] Gemeinfrei

Zwei Abbildungen von Hu Chengyen (1622) aus dem Werk „Aufzeichnugnen der Zehn-Bambus-Halle“

Ren Yi: Playing the Flute (1860–80); Ren Bonian [Public domain or Public domain], via Wikimedia Commons < https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ARen_Bonian_-_Playing_the_Flute_-_Walters_35101C.jpg >

Suzuki Harunobu: Woman Admiring Plum Blossoms at Night by Suzuki Harunobu (The Metropolitan Museum of Art) [Public domain], via Wikimedia Commons
https://commons.wikimedia.org/wiki/File%3ASuzuki_Harunobu_-_Woman_Admiring_Plum_Blossoms_at_Night.jpg.

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Über Helmut Magel

Ich bin seit über 25 Jahren Heilpraktiker, arbeite in meiner Praxis mit Akupunktur, Kräutertherapie, Tuina und Diätetik. Geboren 1946, lernte ich ursprünglich Verlagsbuchhändler (daher die Liebe zur Literatur), studierte Visuelle Kommunikation an der Werkkunstschule Wuppertal (davon blieben das Zeichnen, Fotografieren und die Kalligrafie), fügte noch ein Lehrer-Studium hinzu, das ich mit der 2. Staatsprüfung abschloss (davon blieb das Unterrichten und die Freude daran, später die Leitung einer Akupunkturschule und das Schreiben). In den 80er Jahren kam ich mit Taijiquan in Kontakt, verfiel schließlich der chinesischen Philosophie und Medizin und wurde Heilpraktiker für TCM und Lebensberatung. Im Laufe der Jahre schrieb ich zahlreiche Artikel und Buchbeiträge zur Chinesischen Medizin. Mit dem Blog möchte ich mich aktiv beteiligen an der Diskussion um ein humanes Gesundheitssystem und an der Frage, wie wir unsere geistige und körperliche Elastizität pflegen und möglichst lange bewahren können. (April 2016) Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen, lesen Sie unter "Über mich" weiter.

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