Gegen Räuber die Nadeln spielen lassen – Lobpreisung der „Reise in den Westen“

„Jetzt ist es am alten Sun, seine Nädelchen spielen zu lassen!“
„Aha, der Mönch ist eine Akupunkteur“, meinte einer der Räuber und rief: „Wir sind doch nicht krank, wozu eine Nadel?“
Der Mönch, „alter Sun“ holte daraufhin sein stecknadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwang es in den Wind und hielt eine Stange vom Durchmesser einer Reisschale in den Händen. Dann schrie er: „Stehengeblieben! Lasst auch den alten Sun seine Waffe ausprobieren.“
Entsetzt stoben die sechs Räuber in alle Richtungen.

Affenkönig Sun Wukong 孫悟空: „„Als steinernes Ei aus einem Felsen geboren, befruchtet vom Wind, geschaffen aus den reinen Essenzen des Himmels, den feinen Düften der Erde, der Kraft der Sonne und der Anmut des Mondes“.

81 Bewährungskämpfe gegen Geister und Dämonen

Ich musste herzlich darüber lachen, dass die Akupunktur in dem chinesischen Riesen-Roman „Die Reise in den Westen“, immerhin 1300 Seiten stark, vorkommt. Wer weiß, vielleicht wird die Akupunktur noch in den weiteren Kapiteln erwähnt, die ich noch nicht gelesen habe. Ich bin erst bis Seite 280 gekommen. Diesen phantasisch-komisch-bulesken Roman hat die Deutschschweizerin Eva Lüdi Kong wunderbar ins Deutsche übersetzt. Er liest sich wie eine Phantasy-Geschichte, stammt aber aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Es wimmelt nur so von Dämonen, Geistern, Göttern, Zauberern, aber auch Weisen und Mönchen. In den 100 Kapiteln werden 81 Bewährungen des Affenkönigs Sun Wukong bzw. des Mönches Tripitaka geschildert, den Hauptprotagonisten einer Pilgergruppe, die im Auftrag des chinesischen Kaisers Taizong 太宗 (7. Jh.) nach Westen, d.h. Indien, reisen, um dort von Buddha die heiligen Schriften zu erbitten. Auf dem Weg sind die tollsten Abenteuer zu bestehen.

Jorge Luis Borges schrieb; „Es gibt wohl kaum ein abergläubischeres Volk als das chinesische. Die weitläufigen realistischen Romane, die es hervorgebracht hat – so der Traum der roten Kammer –, wimmeln von Wundern, eben weil diese wirklich sind und weil man das Wunderbare nicht für unmöglich, nicht einmal für unwahrscheinlich.“ Und: „Nichts Charakteristischeres gibt es für ein Volk als seine Phantasien.“ Vielleicht gilt das auch für das Werk des Zeitgenossen des vermutlichen Autors der „Reise in den Westen“, dem Don Quijote des Miguel de Cervantes.

Die Übersetzerin der Reise in den Westen fügte dem Text Anmerkungen hinzu, die man nicht lesen muss, um den Gang der Handlung nachvollziehen zu können, aber wenn Sie wie ich sich seit über 30 Jahren mit chinesischer Philosophie und Medizin beschäftigen, sind die Anmerkungen sehr erhellend. Plötzlich erscheinen einem bekannte Begriffe des Daoismus und Buddhismus in Verbindung mit der spannenden Handlung geradezu bildlich vor Augen.

Die sechs Sinne sind sechs Räuber

Bleiben wir bei den Räubern. Die versperren dem alten Sun und seinem Meister Tripitaka den Weg, stellen sich jedoch auf nachfrage Suns artig vor: „Hör gut zu: Der Erste heißt Freudeschauendes Auge, der Zweite Zornhörendes Ohr, der Dritte Liebeschnuppernde Nase, der Vierte Gedankenschmeckende Zunge, der Fünfte Lustgewahrender Sinn, der Sechste Kummerverhafteter Körper.“ „Ach so, sechs kleine Räuberchen!“ spottete Sun Wukong.

Man kann einfach weiter lesen, aber auch kurz unterbrechen und die dazugehörige Fußnote von Eva Lüdi Kong lesen: „Im Buddhismus werden die sechs Sinne oft als „sechs Räuber“ bezeichnet, da sie durch die verwirrende Vielfalt der Wahrnehmungen den Zugang zur inneren Buddha-Natur verhindern. Der Begriff bezieht sich auf das Surangama Sutra, 4. Buch, in dem es heißt: „Was du gegenwärtig vor Augen, Ohren, Nase, Zunge sowie Leib und Herz gebrauchst, diese sechs sind Räuber, welche seinen inneren Schatz stehlen.“

Hier lässt sich nachvollziehen, dass die aus dem Westen kommenden ersten Buddhisten von den Chinesen zunächst für Daoisten gehalten wurden. Heißt es doch ganz ähnlich bei Lao Zi im Da De Jing:

Die fünferlei Farben machen der Menschen Augen blind.
Die fünferlei Töne machen der Menschen Ohren taub.
Die fünferlei Würzen machen der Menschen Gaumen schal.
Rennen und jagen machen der Menschen Herzen toll.
Seltene Güter machen der Menschen Wandel wirr.
Darum wirkt der Berufene für den Leib und nicht fürs Auge.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.
(12. Vers)

Aberwitzige Handlungen gegen Erleuchtungsverse

So gerät das Lesen zu einem spannenden und anschaulichen Anschauungsunterricht sowohl der Geister- und Götterwelt der Chinesen als auch der Philosophie und religiösen Auffassungen.

Der Witz des Romans liegt für mich darin, dass die hochgeistigen Anspielungen in den eingestreuten Gedichten mit ihren daoistischen, buddhistischen und konfuzianischen Weisheiten geradezu konterkariert werden durch die aberwitzigen Handlungen samt Dialogen. Das erinnert mich an den Artikel eines Adepten indianischer Weisheiten aus den 1980er Jahren. Darin wurde berichtet, wie weihevoll, andächtig und  feierlich sich indianische Schamanen um ein Lagerfeuer niederließen bis dass einer von Ihnen ein Holzscheit ins Feuer warf und damit Funken aufwirbelte und ein anderer trocken meinte: „Pass auf, sonst verbrennst du dir die Eier“ – und alle lauthals lachten und sich auf die Schenkel klopften. Nicht gerade ehrfurchtsvoll gehen im Roman die Unsterblichen miteinander um. Da wird gefrotzelt, gespottet und verulkt.

Der Roman kann uns auf vergnügliche und fast karnevaleske Weise davon zurückhalten, östliche Weisheiten gar zu salbungsvoll, schwülstig und letztlich dogmatisch als der Welten Rettung letzten Schluss zu betrachten. Letztlich sind es Anhaftungen, die uns vom wahren Weg abbringen.

Mächtige und Reiche, aber auch gelehrte Mönche werden bloßgestellt, wenn sie den Geboten oder der Fürsorge entgegen handeln. Das Gegenprogramm verkörpern etwa die im 10. Kapitel auftretenden „gelehrten Bergler“ Li und Zhang, die zufrieden mit sich feststellen:

„So bedacht, geht´s denen eigentlich längst nicht so gut wie uns, die wir hier am klaren Wasser in grünen Bergen schweifen, frei und ungebunden, mit wenigem zufrieden, sorglos im großen Lauf der Dinge wandelnd!“

Kein schlechter Hinweis für eine schnelllebige Welt mit überquellendem Konsumangebot.

 

Die Reise in den Westen. Ein klassischer chinesischer Roman, übers. u. komm. von Eva Lüdi Kong, Hardcover mit Prägung, Lesebändchen. Format: 16 x 24 cm
1320 S. 100 Holzschnitte; Reclam, Stuttgart 2016, ISBN: 978-3-15-010879-6
88,00 €

http://www.preis-der-leipziger-buchmesse.de/neuigkeiten/preis-der-leipziger-buchmesse-eva-luedi-kong-gewinnt-in-der-kategorie-uebersetzung/616040

http://www.reclam.de/detail/978-3-15-010879-6/Die_Reise_in_den_Westen

Dieser Beitrag wurde unter Buchbesprechungen, Philosophie west-östlich abgelegt am von .
Profilbild von Helmut Magel

Über Helmut Magel

Ich bin seit über 25 Jahren Heilpraktiker, arbeite in meiner Praxis mit Akupunktur, Kräutertherapie, Tuina und Diätetik. Geboren 1946, lernte ich ursprünglich Verlagsbuchhändler (daher die Liebe zur Literatur), studierte Visuelle Kommunikation an der Werkkunstschule Wuppertal (davon blieben das Zeichnen, Fotografieren und die Kalligrafie), fügte noch ein Lehrer-Studium hinzu, das ich mit der 2. Staatsprüfung abschloss (davon blieb das Unterrichten und die Freude daran, später die Leitung einer Akupunkturschule und das Schreiben). In den 80er Jahren kam ich mit Taijiquan in Kontakt, verfiel schließlich der chinesischen Philosophie und Medizin und wurde Heilpraktiker für TCM und Lebensberatung. Im Laufe der Jahre schrieb ich zahlreiche Artikel und Buchbeiträge zur Chinesischen Medizin. Mit dem Blog möchte ich mich aktiv beteiligen an der Diskussion um ein humanes Gesundheitssystem und an der Frage, wie wir unsere geistige und körperliche Elastizität pflegen und möglichst lange bewahren können. (April 2016) Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen, lesen Sie unter "Über mich" weiter.

Ein Gedanke zu „Gegen Räuber die Nadeln spielen lassen – Lobpreisung der „Reise in den Westen“

  1. Pingback: Deutsche Übersetzung eines chinesischen Romans erhält Preis | yang-sheng-philo

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.