Träumen Chinesen anders als Europäer?

Freud und die Träume

Unsere Träume setzen sich zusammen aus Versatzstücken unserer Erlebnisse und Eindrücke, seien sie aktuell oder weit in der Zeit zurückliegend. Sigmund Freud bezeichnete Träume als ein «Konglomerat», «in dem jeder Brocken Gestein eine besondere Bestimmung verlangt.» Er folgerte daraus: «Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausgegangen ist.»

Und dann macht der Mann aus der Bergstraße in Wien die interessante Feststellung, «dass die orientalischen Traumbilder, von denen die unsrigen klägliche Abklatsche sind, die Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit der Worte vornehmen» und lobt «die außerordentliche Bedeutung des Wortspiels und der Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen». Freuds Schlussfolgerung: «Übrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen Ausdruck, dass Ferenczi mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum ist in der Regel unübersetzbar in andere Sprechen und ein Buch wie das vorliegende, meinte ich, darum auch.» Dieses Buch, das ist Freuds Traumdeutung, erstmals erschienen im Jahre 1900. Die Zitate stammen daraus (Gesammelte Werke in 1 Band, S. 119).

Chinesische Schriftzeichen als Deutungs-Schlüssel

Was meint Freud mit Wortspiel und Wortspielerei bei der De-Chiffierung von Träumen? In China analysierte man weniger die Traumsymbole als vielmehr deren chinesische Schriftzeichen. Christof Niederwieser erklärt uns: «Dabei kann oft eine gänzlich andere Bedeutung zutage treten, als der Traum ursprünglich suggeriert hat. So wird von einem hohen Beamten des Kaisers Kangxi (1654 – 1722) berichtet, der wissen wollte, ob er jemals Söhne haben würde. Er begab sich dazu in den Guandi-Tempel 關帝廟 außerhalb Pekings. Dort träumte er, dass ihm Guandi 關帝 einen Bambusstab ohne Blätter und Zweige überreichte. Er war sehr traurig, denn er deutete dies als Omen, dass er niemals einen Nachfolger haben werde. Doch ein Traumdeuter klärte ihn auf.

Der Bambus (zhu 竹) würde für zwei Söhne stehen, denn das Schriftzeichen für zhu musste nach den Regeln der Wortanalyse zweigeteilt werden. Dadurch erhielt man zweimal das Zeichen ge 亇, was in diesem speziellen Fall für die zwei Söhne stehen würde.» (http://www.prognostik.com/traumdeutung-in-china/) Nebenbei: Dem Kangxi wurden später nicht nur zwei, sondern vier Söhne geboren.

Dieser Kaiser Kanxi 康熙, in der Nachfolge sein Sohn Yongzheng 雍正, ließ die umfangreichste chinesische Enzyklopädie Gujin Tushu Jicheng (Sammlung von Tafeln und Schriften aus alter und neuer Zeit) erstellen. Sie erschien erstmals 1726 bis 1728 und umfasste über 10.000 Texte in klassischer Schriftsprache. Darunter finden sich die typischen chinesischen Traumvorstellungen mit Abhandlungen über das Wesen des Traumes, Berichte über Träume und vor allen Dingen ihre Deutungen aus einschlägigen Werken aus der Zeit zwischen dem 9. Jahrhundert vor und dem 18. Jahrhundert n. Chr. Das umfasste eine Zeitspanne von nicht weniger als 26 Jahrhunderten. Vorwiegend finden sich Träume der Herrscher, Fürsten, Würdenträger, Gelehrten und sonstigen namhaften Persönlichkeiten.

Haus – Bett – Unschärfe – Abend = Traum

Aus der Fülle des Stoffes versuchte der Sinologe Liu Mao-Zai das für China Typische herauszufiltern. Liu erklärt uns das chinesische Schriftzeichen meng 夢 für Traum. Es setzt sich zusammen aus folgenden vier Teilen: Haus [1], Bett [2], Undeutlichkeit [3] und Abend [4]. Man schläft also am Abend in einem Haus in einem Bett und sieht undeutlich (buming 不明). Dies entspricht in etwa der Definition des ältesten Wörterbuches Shuo Wen (說文解字): 不明也從夕瞢省聲. Das Undeutliches, Nichtklares muss demnach dechiffriert, gedeutet werden, um es verstehen zu können.

«Wie alle alten Völker, so nahmen auch die Chinesen den Traum äußerst ernst. Zum Beispiel: Eine so wichtige Angelegenheit wie die Einführung des Buddhismus schrieb man einem Traum zu. Kaiser Mingdi 漢明帝 der Han-Zeit – er regierte von 58-75 n. Chr. – soll nämlich von einer goldenen Statue einer Gottheit geträumt und daraufhin Mönche nach Indien entsandt haben. Diese Tradition hat sich als eine Legende erwiesen, denn die allmähliche Einführung des Buddhismus hat schon lange vor Kaiser Mingdi begonnen, aber das Beispiel zeigt, dass die Buddhisten sogar ihren Anbeginn mittels eines Traumes zu rechtfertigen suchten.» (Liu Mao-Zai: Traumdeutung im alten China; http://doi.org/10.5169/seals-145899)

Cerberus, der mehrköpfige Hund, der den Eingang zur Unterwelt bewacht. Zeichnung von von William Blake (1825)

Bereits im babylonischen Gilgamesch-Epos, das etwa 2500 Jahre vor unserer Zeitrechnung entstand, waren alle Arten des Traumes bekannt: Der ankündigende oder vorhersagende, der mahnende, warnende, tröstende oder helfende Traum. Das Epos überliefert uns den Traum eines Fährmanns, in dem der Weisheitsgott Ea erschien und ihn vor der Sintflut warnte, so dass er und seine Frau die Flut überlebten.

Traumbücher und Traumsymbole

Die uralten chinesischen Traumbücher aus halbmythischer Zeit, Riten der Zhou (Zhouli 周禮), überliefern uns Traum-Kategorien: Träume, die nicht von selbst entstehen, sondern vom Träumer bewusst veranlasst oder herbeigewünscht werden; Träume, die durch die Anregung oder den Reiz der Beschäftigung des Tages entstehen; Träume, die von selbst zustandekommen.

Eine Vielfalt von Traumsymbolen macht kulturelle Unterschiede zwischen der chinesischen und europäischen Traumdeutung deutlich. So galten Schlangen und Giftschlangen bei den Chinesen als gute Vorzeichen für weibliche Nachkommen. Nach C.G.Jung bedeutet eine Schlange, die aus dem Dunkel auftaucht, die Furcht, ein sorgsam gehütetes Geheimnis könne uns entrissen werden. Die Schlange kann auch – in Anlehnung an die Bibel – als Verführerin in Männerträumen erscheinen. Als kalte, berechnende Frau verkörpert sie auch eine warnende Funktion. S. Freud sah in ihr ein typisches Phallussymbol.

Das Meng Shu 梦书, Buch der Träume, aus der T’ang-Zeit (618-906) bringt, wie alle ägyptischen und arabischen Traumbücher, starre Symboldeutungen: Die Öse eines Siegels im Traum bedeutet Geburt eines Sohnes, da das Siegel einem Manne zur Kennzeichnung einer Beamtenwürde verliehen wird. Träumt man von einem Zwerg, so wird das, was man vorhat, scheitern. Eine Pflaume besagt, dass man mit Gefängnisbeamten zu tun bekommt, weil das Schriftzeichen für Pflaume li 李 gleichzeitig auch zur Bezeichnung des Gefängnisbeamten benutzt wird. Wer im Traum wohlriechende Dinge erhält, dem wird eine Frau sich hingeben. Das sind nur einige wenige Symbole aus der Liste, die Liu Mao-Zai in seinem Beitrag «Traumdeutung im alten China» nennt.

Altes Testament: Josefs Traum (etwa 1014 n.Chr.)

In den Schriften der drei abrahamitischen Religionen (Judentum, Christentum und Islam) finden sich viele Passagen über Träume, in denen Gott sich den Menschen mitteilt. Diese Offenbarungen können Warnungen oder Ermutigungen sein. Berühmt sind die Geschichten über den Propheten Joseph. Im Alten Testament sowie im Koran handelt ein gesamtes Kapitel von dessen Fähigkeiten, die göttlichen Träume zu deuten. So soll er durch seine Gabe das alte Ägypten der Pharaonen vor der Hungersnot bewahrt haben.

In den unterschiedlichen Religionen gibt es jeweils eigene „Traumlexika“, mit deren Hilfe das Geträumte gedeutet werden kann. In der christlichen Tradition kann ein Pfau Eitelkeit oder ewiges Leben symbolisieren, ein Apfel dagegen – basierend auf der Geschichte von Adam und Eva – als Zeichen der Sünde gewertet werden.

Wer bin ich – der berühmte Schmetterlingstraum

Zhuang Zi träumt

Auch in der chinesischen Literatur, in Gedichten und Romanen, spielen Träume eine große Rolle. Einer der vier klassischen chinesischen Romane heißt «Der Traum der roten Kammer», Hong Lou Meng 紅樓夢 (1759 vollendet). Insbesondere im letzten Teil des Romans wird ein Wechselspiel zwischen den Träumern und den geträumten Figuren unterstrichen. Hier stand sicher Zhuang Zi´s Schmetterlingstraum Pate. Der Traum zeigt, dass selbst Zhuang Zi, der träumt, nicht weiß, ob er mit dem Zhuang Zi im Schmetterlingstraum identisch ist:

«Einst träumte Zhuang Zi, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Zhuang Zi. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Zhuang Zi. Nun weiß ich nicht, ob Zhuang Zi geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Zhuang Zi sei, obwohl doch zwischen Zhuang Zi und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge.« [Buch II, 12; Übersetzung Wilhelm.]

Träumer und Träume bilden hier einen wundersam bizarren und nicht enden wollenden mise en abyme-Effekt. Dahinter verbirgt sich die Bedeutung «ohne Boden, unendlich», das Bild im Bild, zum Beispiel der Kasten mit der Abbildung des Kastens mit der Abbildung des Kastens…

Ein späteres Beispiel gibt das Gedicht des Wang Siren 王思任 (1575-1646):

Im Traum empfand ich das Heimweh.
Heimgekehrt, sprach ich mit den Meinigen.
Noch hörbar ist der Wortklang.
Doch mit dem Erwachen ist nichts mehr greifbar.
War es etwa nicht ich, der träumte?
Wer aber sonst sah den Ort aus dem Traum?
War es vielleicht doch ich, der träumte?
Warum blieb ich dann nicht dort?
Ich war es wohl, dennoch war ich es nicht.
Da zwitschern die Elstern vor hellen Fenstern.

Eine weitere Funktion des Traums zeigt der Traum im Roman «Der Päonien-Pavillon» (Mudan Ting 牡丹亭) von 1598. Für die Protagonistin ist der Traum vor allem ein Lehrmeister der Liebe, deren Kraft die gesellschaftliche Konventionen sprengen kann und die Grenze zwischen Leben und Tod überwindet. Der Traum befreit die Figuren von sittlichen und moralischen Zwängen und setzt phantastische Kräfte frei.

Deutung des Traums aus den Schriftzeichen heraus

Die chinesische Traumdeutung besitzt mit den Eigentümlichkeiten von Schrift und Sprache viele Möglichkeiten. Liu Mao-Zai schreibt dazu: «Wie beim Rätsel und bei der Schriftzeichendeutung der Wahrsager, so spielen Schrift- und Wortspiel auch in der Traumdeutung eine große Rolle.

Der sagenhafte Gelbe Kaiser, Huangdi 皇帝, träumte einmal, dass ein Sturm den Staub aus der Welt völlig weggeblasen habe, und ein andermal, dass ein Mann mit einer tausend jun [1 jun = 15 kg] schweren Armbrust zehntausend Herden Schafe antreibe. Als er erwachte, sagte er: «Der Wind gleicht einem Befehl und deutet auf einen Staatsmann hin. Nimmt man aus dem Schriftzeichen für Staub gou 垢 den Teil für Erde tu 土 fort, so bleibt das hou 后, das heißt Fürst, übrig.

Sollte es etwa auf der Erde einen Mann namens Feng Hou 風后, das heißt Wind-Fürst geben? Eine tausend jun schwere Armbrust besagt, dass der betreffende Mann eine seltsame Kraft hat, und das Antreiben von einigen zehntausend Herden Schafen bedeutet, dass er das Volk hüten, das heißt zum Guten erziehen kann. Vielleicht lebt hier ein Mann namens Li Mu 力牧, das heißt Kraft-Hüter?» Daraufhin ließ er gemäß den Deutungen die beiden ausfindig machen, und tatsächlich fand man an einer Bucht den Feng Hou 風后, welchen der Gelbe Kaiser zum Kanzler erkor, und an einem großen Sumpf den Li Mu, den er zum General beförderte. Daraufhin soll der Gelbe Kaiser einen «Kanon der Traumdeutung» mit 11 Kapiteln verfasst haben.

Diese an ein Märchen erinnernde Geschichte ist sicher eine Erdichtung, aber nichtsdestoweniger wird dieser Traum überall an die erste Stelle der Traumberichte gesetzt. Mit dieser Zuschreibung an den Gelben Kaiser möchte man dem Traum bzw. seiner Deutung besonderes Gewicht verleihen. Übrigens ist die Geschichte ein anschauliches Beispiel für die Traumdeutung an Hand der Schriftzeichen in kompositioneller, semantischer oder phonetischer Hinsicht. Oft haben solche Deutungen allerdings einen stark sophistischen Beigeschmack.» (Liu Mao-Zai: Traumdeutung im alten China)

Jede Sprache hat ihre eigene Traumsprache

Träumen Chinesen anders? Ich vermute, dass sie nicht anders träumen, aber das Geträumte durchaus anders deuten. Wie schrieb Freud? «Der Traum (hängt) so innig am sprachlichen Ausdruck, dass Ferenczi mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre eigene Traumsprache.»

In erster Linie hob man im alten China die vorausschauende Funktion und die prophetische Fähigkeit des Traumes hervor. Aus den Traumberichten wurden überwiegend Hinweise auf die Zukunft gesucht. Infolgedessen kam dem Traumdeuter eine einflussreiche Funktion zu, machten Herrscher, Beamte und Gelehrte ihre Entscheidungen doch häufig abhängig von der Deutung ihres Traumes.

Besser als der Traum ist die Deutung

Da man damit nicht nur Einfluss hatte, sondern auch Geld verdienen konnte, schossen seit dem 12. Jahrhundert auf den Märkten magische Künste wie Pilze aus dem Boden. Die Kritik daran ließ nicht auf sich warten. Zeitgenossen bedauerten den ihrer Meinung nach Verfall der alten Lehre der Traumdeutung. Niemand könne mehr auf seine Kunst der Traumdeutung wirklich stolz sein.

Auch in Korea hat sich bereits im 6. Jahrhundert die Traumdeutung fest etabliert. «In den Chroniken», so schreibt Hoo Nam Seelmann, «wird vielfach von Träumen und deren Deutungen berichtet. Prominent tauchen Träume von Herrschern auf, die zur Legitimierung der Herrschaft dienten. Diese Entwicklung war möglich, weil man Träumen eine prophetische Gabe zubilligte. Träume werden in Korea in zwei Kategorien geteilt: Die eine verheisst Glück und die andere Unglück. Die richtige Deutung ist darum wichtig. Aber ebenso alt wie die Traumdeutung selber scheint auch die Skepsis darüber zu sein. Denn ein bekanntes Sprichwort sagt: Besser als der Traum ist die Deutung.» (Hoo Nam Seelmann: Die Träume der Koreaner NZZ 16.10.2015)

Bildnachweis:

• Altes Testament: Josefs Traum (etwa 1014 n.Chr.) (Gemeinfrei)
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Meister_des_Perikopenbuches_Heinrichs_II._002.jpg
• Zhuang Zis Schmetterlingstraum (Gemeinfrei)
http://www.asianart.com/exhibitions/taoism/butterfly.html
• Zhuangzi träumt (Gemeinfrei)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Zhuangzi-Butterfly-Dream.jpg
• Cerberus von William Blake (Gemeinfrei)
https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Cerberus-Blake.jpeg

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Über Helmut Magel

Ich bin seit über 25 Jahren Heilpraktiker, arbeite in meiner Praxis mit Akupunktur, Kräutertherapie, Tuina und Diätetik. Geboren 1946, lernte ich ursprünglich Verlagsbuchhändler (daher die Liebe zur Literatur), studierte Visuelle Kommunikation an der Werkkunstschule Wuppertal (davon blieben das Zeichnen, Fotografieren und die Kalligrafie), fügte noch ein Lehrer-Studium hinzu, das ich mit der 2. Staatsprüfung abschloss (davon blieb das Unterrichten und die Freude daran, später die Leitung einer Akupunkturschule und das Schreiben). In den 80er Jahren kam ich mit Taijiquan in Kontakt, verfiel schließlich der chinesischen Philosophie und Medizin und wurde Heilpraktiker für TCM und Lebensberatung. Im Laufe der Jahre schrieb ich zahlreiche Artikel und Buchbeiträge zur Chinesischen Medizin. Mit dem Blog möchte ich mich aktiv beteiligen an der Diskussion um ein humanes Gesundheitssystem und an der Frage, wie wir unsere geistige und körperliche Elastizität pflegen und möglichst lange bewahren können. (April 2016) Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen, lesen Sie unter "Über mich" weiter.

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