Ahnen und Heilige

Ahnen und Heilige
Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November

An keinem anderen Tag denken wir so intensiv über uns nach, darüber, was von uns bleiben wird, und darüber, was andere Menschen uns hinterlassen. Die Erinnerung daran, wo die Mutter begraben liegt, der Vater oder die Großeltern, diese Erinnerung ist älter als alle Religionen. Es ist die Erinnerung daran, wo unter der Erde ein Teil unseres Lebens ruht. Allerheiligen und Allerseelen, bei den Protestanten Totensonntag sind vermutlich keltischen Ursprungs und dürften bewegende Feste zu Ehren der Ahnen gewesen sein.

Gedenken an die Ahnen bei uns…

Am 1. November ist Allerheiligen, am darauffolgenden Tag Allerseelen. Das Bild von Gräbern passt zum Herbst mit seinem Nebel, Raureif, oft nasskaltem trüben Wetter. Die Stimmung neigt zur Melancholie. Gemäß den Fünf Elementen ist die Trauer dem Herbst zugeordnet. Im Wesentlichen war vor allem die Trauer um die Eltern gemeint.

Unabhängig davon, ob Sie religiös sind oder nicht: Auch Sie sind Glied in einer langen Reihe von Vorfahren, von denen Sie Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten geerbt haben. Vielleicht wurde Ihnen schon mal nachgesagt: „Du bist wie Tante Soundso“ oder „Du kommst ganz auf deinen Großvater“… Vielleicht tragen Sie den Namen einer Heiligen oder eines Heiligen, die in der Katholischen Kirche am 1. November verehrt werden und die jemand in einer schwierigen Situation um Beistand bittet.

Heute definieren sich junge Menschen eher über Freunde denn Vorfahren. Vorbilder werden kaum noch unter den Vorfahren, sondern mehr unter Zeitgenossen gesucht. Einer der Gründe sind Patchwork-Familien, durch die traditionelle Familienstrukturen und Generationsfolgen verschwimmen. Rituale von der Taufe bis zur Hochzeit, von Initiations- bis zu Bestattungsfeiern haben weitgehend ihre Bedeutung verloren. Dabei handelt es sich auch Techniken der Lebenskunst, die beides umfassten: die Kunst des Lebens (ars vivendi) als auch die Kunst des Sterbens (ars moriendi) als ein reiches Spektrum der Hinnahme und Einübung ins Unvermeidliche.

Allerseelen dient der „Pflege der Seelen” der Verstorbenen. Die Nachkommen schmücken nach altem Brauch am Vortag von Allerseelen, dem Nachmittag an Allerheiligen, die Gräber mit Grün und Herbstblumen wie Astern und Chrysanthemen. Chrysanthemen sind bei uns typische Friedhofsblumen geworden und doch erst seit ungefähr hundert Jahren in Europa bekannt. Denn die Chrysantheme stammt aus China. Dort schmückte sie die Tempel und war ein wichtiges Sujet in der Kunst. Neben Blumen wird an Allerseelen ein „ewiges Licht” auf das Grab gestellt. Werden auch Sie ein Grab besuchen?

In früheren Jahrhunderten stellte man Speisen auf das Grab (Brot, Wein, Bohnen) und brachte sie den Verstorbenen dar. Wer sich in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen ins Freie wagte, war – so glaubte man – in Gefahr zu sterben, denn Spuk und Zauber drohten und alle Geister und Dämonen hatten frei Schalten und Walten.

Etwas davon klingt noch am irischen „Halloween”, dem Vorabend der Heiligen (= hallows), nach. Das in die USA exportierte und von dort auch nach Deutschland schwappende Halloween-Brauchtum diente ursprünglich der gefeierten Einheit der Lebenden mit den Toten.

… und in China

Das Gedenken an die Ahnen hat in der chinesischen (und japanischen) Gesellschaft dagegen noch einen bedeutenden Stellenwert. In China hat vor allem der älteste Sohn die Pflicht, der Ahnen zu gedenken und dafür zu sorgen, männliche Nachkommen zu zeugen, die die Ahnenreihe fortsetzen. So wird auch das Weiterleben der Familie – sowohl ideell als auch sozial – gesichert. Jeder einzelne begreift sich als Teil einer Kette sich immer wieder erneuernder Generationen. Die Söhne werden schließlich selbst zu Ahnen. Die Verehrung der Ahnen wird auch den lebenden Alten zu Teil.

Chinesischer Ahnenaltar

Den Verstorbenen gedenkt man in China durch Ahnentafeln im Haus. Innerhalb der traditionellen chinesischen Feng-Shui-Lehre zur energetisch gesunden Gestaltung von Wohn- und Arbeitsstätten wird den Ahnen stets ein Platz zur Ehrung im Haus oder im Garten eingeräumt.

Auch bei Familien-Festen wird ihrer gedacht, indem Räucherwerk abgebrannt und ihnen Essen und Trinken hingestellt wird. Ihr Wohlergehen „in der anderen Welt“ ist von der Unterstützung der Lebenden abhängig, und umgekehrt können die Ahnen auch die Lebenden unterstützen. Wie dieses Einwirken der Ahnen aussieht, liegt hauptsächlich in der Verantwortung der Lebenden.

Ohne Himmel und Erde gibt es kein Leben,
ohne die Ahnen gibt es keine Abstammung,
ohne den Meister gibt es keine Ordnung.
Wenn diese drei Dinge irgendwie fehlen,
so ist Sicherheit unter den Menschen unmöglich.

(Konfuzius: Das Buch der Riten Liji)

Heilige, gute Seelen und innere Kraftquellen

In unserer christlichen Tradition werden die Heiligen, die ein sittlich vollendetes Leben geführt haben und dadurch Gott nahe sind, im Gebet angerufen, uns in schwierigen Situationen zu unterstützen. Eine Heil- und sogar Wunderkraft wird auch den Hinterlassenschaften, Überbleibsel und Gebeinen jener Heiligen, die als Reliquien in Kirchen aufbewahrt werden, zugesprochen.

In der modernen westlichen Welt fällt es vielen Menschen schwer, den Vorfahren einen angemessenen Platz einzuräumen, von wo aus sie freundlich auf das Leben der Nachkommen schauen können. Möglicherweise schneiden wir damit ein wichtiges Stück unserer Geschichte, unseres Ursprungs ab. Wie ist es bei Ihnen? Haben Sie selbst eine „Ahnenstelle“ mit Fotos Ihrer Vorfahren?

Nicht zufällig suchen adoptierte Kinder irgendwann nach ihren leiblichen Eltern und wollen wissen, von wem sie abstammen. Vorfahren, besonders diejenigen, mit denen wir eine „Seelenverwandtschaft“ haben, können gewissermaßen eine Kraftquelle für uns sein, aus der wir schöpfen können. Wie „Schutzengel“ können sie uns beschützen oder rechtzeitig warnen – wir brauchen sie nur wahrzunehmen.

Sie kennen gewiss die Geschichte des Herrn von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland, der Jungen und Mädchen, die an seinem Birnbaum vorbei kamen, im Herbst Birnen schenkte. Mit seinem Tod ( ’s war Herbsteszeit,wieder lachten die Birnen weit und breit) endete der schöne Brauch, denn sein Sohn war geizig, knausert und spart. Der alte Ribbeck hatte das geahnt und ließ Birnenkerne in sein Grab legen. Deshalb:

Und im dritten Jahr aus dem stillen Haus
Ein Birnbaumsprößling sproßt heraus.

Und die Jahre gehen wohl auf und ab,
Längst wölbt sich ein Birnbaum über dem Grab,
Und in der goldenen Herbsteszeit
Leuchtet’s wieder weit und breit.
Und kommt ein Jung‘ übern Kirchhof her,
So flüstert’s im Baume: „Wiste ’ne Beer?“
Und kommt ein Mädel, so flüstert’s: „Lütt Dirn,
Kumm man röwer, ick gew‘ di ’ne Birn.“

So spendet Segen noch immer die Hand
Des von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland.

(Theodor Fontane)

Geben Sie „Ihrem“ Ahnen den angemessenen Platz

So segensreich wie der von Ribbeck können Ahnen wirken. In jeder Familie gibt es solche Ahnen. Sie müssen Sie nur finden. Oft galten sie als schwarze Schafe oder Sonderlinge. Eine Methode ist die Familienaufstellung innerhalb der Systemischen Familientherapie nach Virginia Satir. Man könnte sagen, dass es sich dabei auch um ein Ahnenritual handelt, das in unsere Zeit passt.

„Familienaufstellungen“ helfen, die inneren Prozesse einer Familie zu verstehen. Dahinter steht die Überzeugung, dass die Mitglieder einer Familie und die Familie als Ganzes „Selbstheilungskräfte“ besitzen, die in der Therapie mobilisiert werden können. Indem Sie Ihre Herkunftsfamilie stellen, werden unsichtbare Bindungen und „festgefahrene“ Kommunikationsabläufe sichtbar. Beziehungskonflikte und krankmachende Bindungen können erkannt und gelöst werden.

Meist wird dabei für alle Beteiligten deutlich, wie unlösbar unser Schicksal mit dem unserer Eltern und der ganzen Sippe verknüpft ist. Und so werden nicht nur günstige Faktoren, sondern auch verhängnisvolle Botschaften, schicksalhafte Belastungen und unbearbeitete Kränkungen von Generation zu Generation weitergereicht. In dem Fall wirken die Ahnen eher als „Dämonen“ weiter.

Demgegenüber können Sie Ahnen mit förderlichen Eigenschaften durch diese therapeutische Arbeit (wieder) entdeckten und rehabilitieren. Ihnen gebührt ein Platz in den Herzen und Seelen der Nachkommen. Damit ebnen Sie auf vielfältige Weise eine Verbindung zu dem Wissen, den Erfahrungen und dem Vertrauen in das Leben der Vorfahren.

Finden Sie Ihren „Indianer“

Ein schönes Beispiel für solch einen Beistand gibt Janosch in seinem Büchlein „Hannes Strohkopp“, das von einem Jungen handelt, der in der Rolle des Klassenschlechtesten von seinen Mitschülern nur ausgelacht und vom Lehrer oftmals bloßgestellt wird.

Aus dieser Not heraus schreibt er an den Onkel in Amerika (eben ein Ahne), der ihm ein Pulver schickt, das angezündet einen Indianer hervorzaubert. Dieser ist für andere unsichtbar, nur Hannes kann ihn sehen.

Er hilft ihm bei seinen Schulproblemen, indem er ihm Mut und Selbstvertrauen gibt. Seine Umgebung merkt, ohne dass Hannes etwas Besonderes dazu beiträgt, dass sich bei ihm etwas verändert hat… Und auch als der Indianer wieder fortgeht, hat Hannes so viel Selbstvertrauen gewonnen, dass er nun alles selber bewältigen kann. Am Ende ist er sich sicher, dass der „Indianer“ niemals ganz weg sein wird.

 

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Über Helmut Magel

Ich bin seit über 25 Jahren Heilpraktiker, arbeite in meiner Praxis mit Akupunktur, Kräutertherapie, Tuina und Diätetik. Geboren 1946, lernte ich ursprünglich Verlagsbuchhändler (daher die Liebe zur Literatur), studierte Visuelle Kommunikation an der Werkkunstschule Wuppertal (davon blieben das Zeichnen, Fotografieren und die Kalligrafie), fügte noch ein Lehrer-Studium hinzu, das ich mit der 2. Staatsprüfung abschloss (davon blieb das Unterrichten und die Freude daran, später die Leitung einer Akupunkturschule und das Schreiben). In den 80er Jahren kam ich mit Taijiquan in Kontakt, verfiel schließlich der chinesischen Philosophie und Medizin und wurde Heilpraktiker für TCM und Lebensberatung. Im Laufe der Jahre schrieb ich zahlreiche Artikel und Buchbeiträge zur Chinesischen Medizin. Mit dem Blog möchte ich mich aktiv beteiligen an der Diskussion um ein humanes Gesundheitssystem und an der Frage, wie wir unsere geistige und körperliche Elastizität pflegen und möglichst lange bewahren können. (April 2016) Wenn Sie mehr über mich erfahren wollen, lesen Sie unter "Über mich" weiter.

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