Archiv der Kategorie: Buchbesprechungen

Deutsche Übersetzung eines chinesischen Romans erhält Preis

Preis der Leipziger Buchmesse: Eva Lüdi Kong gewinnt in der Kategorie Übersetzung

„Die Reise in den Westen ist das wohl bedeutendste, in jedem Fall das populärste Buch der chinesischen Literatur. Bis heute lebt es fort in Mangas, Filmen, Computerspielen. Wann das Buch entstand, wer sein Autor ist, das weiß man nicht; in seiner heutigen Fassung ist es rund 400 Jahre alt. Dieses Buch hat es bislang auf Deutsch nicht gegeben, höchstens in kleineren Auszügen. Dass es nun in seiner ganzen Fülle und Vielfalt vorliegt, ist das Verdienst von Eva Lüdi Kong“, heißt es in der Presse-Erklärung der Leipziger Messe vom 23. März 2017.

Die Autorin und Übersetzerin Eva Lüdi Kong

Es war ein Werk der Liebe, das viele Jahre in Anspruch nahm. Lüdi Kong hat es in ein modernes, lebendiges Deutsch gebracht; aber sie hat noch mehr getan als das. Die vielen uns Europäern unverständlichen Aspekte hat sie durch einen umfangreichen Apparat erschlossen und den Kosmos der chinesischen Kultur zugänglich gemacht, mit all seinen konfuzianischen, buddhistischen, daoistischen, alchemistischen Traditionen.

Weiterlesen

Gegen Räuber die Nadeln spielen lassen – Lobpreisung der „Reise in den Westen“

„Jetzt ist es am alten Sun, seine Nädelchen spielen zu lassen!“
„Aha, der Mönch ist eine Akupunkteur“, meinte einer der Räuber und rief: „Wir sind doch nicht krank, wozu eine Nadel?“
Der Mönch, „alter Sun“ holte daraufhin sein stecknadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwang es in den Wind und hielt eine Stange vom Durchmesser einer Reisschale in den Händen. Dann schrie er: „Stehengeblieben! Lasst auch den alten Sun seine Waffe ausprobieren.“
Entsetzt stoben die sechs Räuber in alle Richtungen.

Affenkönig Sun Wukong 孫悟空: „„Als steinernes Ei aus einem Felsen geboren, befruchtet vom Wind, geschaffen aus den reinen Essenzen des Himmels, den feinen Düften der Erde, der Kraft der Sonne und der Anmut des Mondes“.

81 Bewährungskämpfe gegen Geister und Dämonen

Ich musste herzlich darüber lachen, dass die Akupunktur in dem chinesischen Riesen-Roman „Die Reise in den Westen“, immerhin 1300 Seiten stark, vorkommt. Wer weiß, vielleicht wird die Akupunktur noch in den weiteren Kapiteln erwähnt, die ich noch nicht gelesen habe. Ich bin erst bis Seite 280 gekommen. Diesen phantasisch-komisch-bulesken Roman hat die Deutschschweizerin Eva Lüdi Kong wunderbar ins Deutsche übersetzt. Er liest sich wie eine Phantasy-Geschichte, stammt aber aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Es wimmelt nur so von Dämonen, Geistern, Göttern, Zauberern, aber auch Weisen und Mönchen. In den 100 Kapiteln werden 81 Bewährungen des Affenkönigs Sun Wukong bzw. des Mönches Tripitaka geschildert, den Hauptprotagonisten einer Pilgergruppe, die im Auftrag des chinesischen Kaisers Taizong 太宗 (7. Jh.) nach Westen, d.h. Indien, reisen, um dort von Buddha die heiligen Schriften zu erbitten. Auf dem Weg sind die tollsten Abenteuer zu bestehen.

Jorge Luis Borges schrieb; „Es gibt wohl kaum ein abergläubischeres Volk als das chinesische. Die weitläufigen realistischen Romane, die es hervorgebracht hat – so der Traum der roten Kammer –, wimmeln von Wundern, eben weil diese wirklich sind und weil man das Wunderbare nicht für unmöglich, nicht einmal für unwahrscheinlich.“ Und: „Nichts Charakteristischeres gibt es für ein Volk als seine Phantasien.“ Vielleicht gilt das auch für das Werk des Zeitgenossen des vermutlichen Autors der „Reise in den Westen“, dem Don Quijote des Miguel de Cervantes.

Die Übersetzerin der Reise in den Westen fügte dem Text Anmerkungen hinzu, die man nicht lesen muss, um den Gang der Handlung nachvollziehen zu können, aber wenn Sie wie ich sich seit über 30 Jahren mit chinesischer Philosophie und Medizin beschäftigen, sind die Anmerkungen sehr erhellend. Plötzlich erscheinen einem bekannte Begriffe des Daoismus und Buddhismus in Verbindung mit der spannenden Handlung geradezu bildlich vor Augen.

Die sechs Sinne sind sechs Räuber

Bleiben wir bei den Räubern. Die versperren dem alten Sun und seinem Meister Tripitaka den Weg, stellen sich jedoch auf nachfrage Suns artig vor: „Hör gut zu: Der Erste heißt Freudeschauendes Auge, der Zweite Zornhörendes Ohr, der Dritte Liebeschnuppernde Nase, der Vierte Gedankenschmeckende Zunge, der Fünfte Lustgewahrender Sinn, der Sechste Kummerverhafteter Körper.“ „Ach so, sechs kleine Räuberchen!“ spottete Sun Wukong.

Man kann einfach weiter lesen, aber auch kurz unterbrechen und die dazugehörige Fußnote von Eva Lüdi Kong lesen: „Im Buddhismus werden die sechs Sinne oft als „sechs Räuber“ bezeichnet, da sie durch die verwirrende Vielfalt der Wahrnehmungen den Zugang zur inneren Buddha-Natur verhindern. Der Begriff bezieht sich auf das Surangama Sutra, 4. Buch, in dem es heißt: „Was du gegenwärtig vor Augen, Ohren, Nase, Zunge sowie Leib und Herz gebrauchst, diese sechs sind Räuber, welche seinen inneren Schatz stehlen.“

Hier lässt sich nachvollziehen, dass die aus dem Westen kommenden ersten Buddhisten von den Chinesen zunächst für Daoisten gehalten wurden. Heißt es doch ganz ähnlich bei Lao Zi im Da De Jing:

Die fünferlei Farben machen der Menschen Augen blind.
Die fünferlei Töne machen der Menschen Ohren taub.
Die fünferlei Würzen machen der Menschen Gaumen schal.
Rennen und jagen machen der Menschen Herzen toll.
Seltene Güter machen der Menschen Wandel wirr.
Darum wirkt der Berufene für den Leib und nicht fürs Auge.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.
(12. Vers)

Aberwitzige Handlungen gegen Erleuchtungsverse

So gerät das Lesen zu einem spannenden und anschaulichen Anschauungsunterricht sowohl der Geister- und Götterwelt der Chinesen als auch der Philosophie und religiösen Auffassungen.

Weiterlesen

Gelingendes Leben bedarf der Resonanz

Zum Buch „Resonanz“ von Hartmut Rosa

Zeitknappheit, Stress und Hektik gehört zur alltäglichen Erfahrung. Dem Modus des Immer-schneller kann nur mit der Gegenstrategie „Entschleunigung“ begegnet werden, um den permanenten Stress zu lindern. Reicht aber mehr Langsamkeit? Hartmut Rosa sagt in seinem Buch „Resonanz“: Nein, weil es nicht einfach um Langsamkeit geht. Es geht um eine andere Beziehung zur Welt. Was kann eine „neue Beziehung zur Welt“ sein?

Ein Beispiel: Kinder sind ganz stark „Resonanz-Wesen“. Sie leben von den lebendigen Begegnungen mit anderen Menschen und lassen sich bezaubern von Erzählungen. Ihnen erscheinen die Dinge des Alltags noch geheimnisvoll und erweckend ihre ständige Neugierde.

Resonanz bringt etwas in uns zum Schwingen

Unweigerlich fällt mir der berühmte Vierzeiler von Eichendorff ein, in dem er die Suche nach der verborgenen Poesie der Welt zum Klingen bringt:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Kinder lassen sich spontan auf ihre Umgebung ein, ohne dass sie das erst abwägen müssen. Kurz: sie treten in Resonanz mit der Welt. Als Erwachsene steckt diese kindliche Erfahrung immer noch in uns und wird zum Nährboden einer Sehnsucht nach eben jener in der Kindheit erfahrenen Resonanz.

Resonanz hat für Rosa immer einen Moment der Unverfügbarkeit, sie lässt sich nicht vollständig planen, ja, das Planen und Kontrollieren verhindert sogar, uns in Begegnungen mit Anderen, mit Orten, Musik, mit der Natur berühren zu lassen. Resonanz bringt etwas in uns zum Schwingen.

Weiterlesen

Arzneimittelwirkungen aus Sicht der chinesischen Medizin

Sabine Ritter: Arzneimittelwirkungen aus Sicht der chinesischen Medizin

Rezension von Helmut Magel

Cover_Ritter_arzneimittel

 

 

 
Inhalt
Das Buch ist gegliedert in drei Teile:
1. Theoretische Grundlagen, in denen die Autorin kurz und knapp einen 20-seitigen Überblick gibt über vegetatives Nervensystem, Botenstoffe, Neurotransmitter, Elektrolyte, RAAS-System, DNA und RNA, Immunabwehr sowie die Wirkweise von Arzneimitteln.

2. Medikamentöse Behandlung von Erkrankungen. Dieser Hauptteil (450 Seiten) stellt alle relevanten, in der täglichen Arzt-Praxis vorkommenden Erkrankungen und deren medikamentöse Behandlung nach einem wiederkehrenden Schema in Unterkapiteln vor: Vorstellung der Erkrankung aus Sicht der Schulmedizin; Erkrankung aus Sicht der Chinesischen Medizin; medikamentöse Therapie der Erkrankung (Vorstellung der Wirkstoffe und Wirkstoff-Gruppen); Arzneistoffe (z.B. Expektorantien oder Antidiabetika) und die speziellen Wirkstoffe; Anwendungsgebiete; unerwünschte Wirkungen („Nebenwirkungen“); Wirkungsweise aus Sicht der Schulmedizin; Wirkungsweise aus Sicht der TCM.
Am Schluss jedes Unterkapitels gibt es einen tabellarischen TCM-„Steckbrief“, der sehr summarisch den Wirkstoff beschreibt hinsichtlich: Wirkung (z.B. Hitze kühlend, Feuchtigkeit und Schleim reduzierend), Temperaturverhalten, betroffenen Zangfu, unerwünschte Wirkungen (z.B. Schwäche von Milz-Qi und -Yang, Nieren-Yang-Leere, Kälte), Maßnahmen bei Bedarf (z.B. Qi und Yang tonisieren).

3. Auf 17 Seiten gibt Sabine Ritter Hinweise zur Praxis, darunter ein Fragebogen zum Beschwerdebild des Patienten als Anamnese-Unterstützung, Behandlungstipps zu TCM-definierten Pathologien und entsprechender Behandlungsstrategien.

4. Abgerundet wird das Buch durch ein Glossar und ein ausführliches Stichwortverzeichnis.

Insgesamt ist das eine beeindruckende Fülle an Informationen über alle gängigen schul- bzw. biomedizinischen Arzneimittel und deren Wirkstoffe und deren TCM-Einordnung. Die Autorin betont, dass „die Behandlung unerwünschter Wirkungen einer medikamentösen Therapie sich im Grundsatz nicht von der Behandlung anderer Beschwerden (unterscheidet). (…) Bei der Behandlung bereits eingetretener unerwünschter Wirkungen werden deshalb immer die aufgetretenen Probleme des jeweiligen Patienten behandelt und nicht das, was durch diese Medikamente ausgelöst werden könnte“ (S. 514). Um in der TCM-Praxis Nebenwirkungen der Medikamente, die von Patienten eingenommen werden, erkennen und in der Diagnose angemessen bewerten zu können, ist der Blick auf die Steckbrief-Tabelle nicht ausreichend. Viel aufschlussreicher ist der jeweilige ausführliche Abschnitt „Wirkweise (des Wirkstoffes) aus Sicht der TCM“. Mit diesen Informationen wird es schließlich möglich sein, „das Risiko für unerwünschte Wirkungen (zu) senken. Die Chinesische Medizin könnte somit einen wichtigen Beitrag zu einer personalisierten Medizin leisten und das Qualitätsmanagement in der Praxis verbessern.“ (S. 23).

Lesbarkeit
Der Aufbau des Buches ist systematisch und ergibt Sinn. Die durchgehaltene Struktur bei der Darstellung der Erkrankungen und der Wirkstoffe zu deren Behandlung ist eingängig und erleichtert das Finden und Lesen. Die übertriebene große Schriftgröße der Überschriften macht das Schriftbild sehr unruhig.
Auch einem Nicht-Apotheker erschließen sich die Wirkstoff-Erklärungen im schulmedizinischen Kontext als auch im Lichte der Chinesischen Medizin.

Innovation
Sabine Ritter schließt mit diesem Buch eine Lücke, die in der Praxis oft zu Spekulationen und vagen Annahmen führten, was die Nebenwirkungen der Medikamente betrifft. Endlich liegt eine umfassende Darstellung für die TCM-Praxis vor, mit der sich arbeiten lässt. Zugleich stößt die Autorin auch Türen auf, die darüber hinaus gehen, denn viele der von ihr beschriebenen Wirkstoffe sind auch Pflanzen-Wirkstoffe bzw. sind daraus gewonnen. Jüngstes Beispiel: Artemisinin (S. 492) aus dem chinesischen Beifuss (Artemisia annua) ist Bestandteil der traditionellen chinesischen Materia Medica.

Artemisinine sind inzwischen das Nummer-Eins-Medikament gegen Malaria, ein Verdienst der diesjährigen Medizin-Nobelpreisträgerin Youyou Tu. Wenn dies von verschiedenen Seiten als „Sieg der TCM-Kräuterheilkunde“ gefeiert wurde, dann wäre die Entwicklung des Schmerzmittels Aspirin, das auf das Salicylat (S. 191) der Salweidenrinde zurückgeht, vor über 100 Jahren ein „Sieg der europäischen Kräuterheilkunde“ gewesen. Schließlich lagen auch dieser Entwicklung über 2500 Jahre alte Rezepte gegen Rheumabeschwerden zu Grunde. Wir kommen hier sehr schnell in die Betrachtung, Bewertung und Einsatzmöglichkeiten von Inhalts- und Wirkstoffen, die unsere chinesischen wie westlichen Heilkräuter enthalten. Diese Diskussion ist und kann jedoch nicht Bestandteil dieses Buches sein, das ohnehin ein „Brocken“ ist, regt jedoch zu diesen Überlegungen an.

Anwendbarkeit
Da sich die Ordnung des Hauptteils auf die systematische Darstellung von 19 verbreiteten relevanten Krankheitsgruppen – von Herz-Kreislauf- über Atemwegserkrankungen bis hin zu psychischen und Tumorerkrankungen und deren medikamentöser Therapie – hinzieht, lassen sich leicht die notwendigen Informationen auffinden. Über die pathophysiologische Einschätzung und energetischen Wirkbeschreibungen lässt sich sicher diskutieren, aber das geht über die innovative Fleißarbeit Sabine Ritters hinaus.

Sabine Ritter geht davon aus, dass individuelle Schwachstellen die Ursachen dafür sein können, „dass Arzneimittel bei manchen Patienten unerwünschte Wirkungen verursachen. Beeinflusst ein Wirkstoff eine bereits bestehende Schwachstelle, sind damit korrelierende unerwünschte Wirkungen wahrscheinlich“ (S. 22). Allerdings treten nicht alle Nebenwirkungen, deren Auflistung mitunter imposant erscheint, bei einem Patienten auf. „Daher muss man auch nicht in jedem Fall versuchen eine Verbindung zwischen allen unerwünschten Wirkungen herzustellen“ (S. 22). Mit anderen Worten: Man soll die Kirche im Dorf lassen.

Ein wichtiger Aspekt ist die präventive Behandlung mittels Akupunktur, Diätetik und Kräutertherapie, „um das Risiko für unerwünschte Wirkungen einer medikamentösen Therapie im Vorfeld zu senken und individuelle Dysbalancen auszugleichen (…) Bei einer solchen präventiven Begleittherapie muss der Fokus auf die Gesamtheit der Syndrome, d.h. Ben und Biao einer Erkrankung, und auf die sich daraus ergebenden, möglichen Angriffspunkte einer medikamentösen Therapie gerichtet werden“ (S. 514). Für die in dem Zusammenhang ausschlaggebende Diagnostik sind die jeweiligen ausführlichen Beschreibungen und Erörterungen der Wirkweisen aus Sicht der TCM als auch aus schulmedizinischer Sicht sehr wichtig. Die Tabellen („Steckbriefe“) eignen sich dazu weniger, denn welchen Sinn kann die Aufzählung „unerwünschter Wirkungen“ haben, wenn diese „Hitze, Wind, Trockenheit, Yin-Leere, Qi-Stagnation, Qi-Leere, Blut-Leere“ (S. 273) umfassen? Da fällt einem der Ausspruch von Karl Kraus ein: „Die am meisten verbreitete Krankheit ist die Diagnose“. Aber wie auch immer, wenn sich die Praktiker den ausführlicheren Texten widmen, wird die Diagnose umso stichhaltiger.

Fazit
Für die TCM-Praxis ein sehr wichtiges und hilfreiches Buch.

Sabine Ritter: Arzneimittelwirkungen aus Sicht der chinesischen Medizin. Vorwort von Barbara Kirschbaum; Verlag Müller & Steinicke, München 2015, 558 Seiten, 59,95 €
ISBN 978-3-87569-224-2

https://www.naturmed.de/tcmakupunktur/klinische-praxis/sonstige-krankheiten/25728/arzneimittelwirkungen-aus-sicht-der-chinesischen-medizin

Helmut Magel
Heilpraktiker und Lebensberater
Löhrerlen 16
42279 Wuppertal
yang-sheng-philo.com

Signaturenlehre als Bindeglied zwischen chinesischen und westlichen Heilkräutern

Schema Signaturenlehre

Noch 2002 wurde bei einer Podiumsdiskussion in Rothenburg die Zweckmäßigkeit, sogar die Legitimität der Verwendung westlicher Kräuter in der TCM seitens einiger Anhänger chinesischer Arzneimittel vehement bestritten. Die Lage hat sich inzwischen entspannt. Wir können getrost behaupten, dass die westlichen Kräuter nicht nur bei uns in Deutschland ein Bestandteil der Chinesischen Medizin geworden sind. Bemerkenswert ist, dass Kräutertherapeuten in China wie Prof. Wu Buping (Hangzhou) sich eher darüber wundem, wieso TCM-Therapeuten hier im Westen nicht die heimischen Kräuter anzuwenden versuchen.

Was versteht man unter „westlichen Kräutern“?

Dies sind im Wesentlichen Heilpflanzen, die in Europa bis in den vorderen Orient und teilweise in Nordamerika traditionell therapeutisch in Gebrauch sind. Systematische Betrachtungen und Erfahrungen wurden seit der Zeit des Hippokrates (5.-4. Jh. v. Chr.) über Dioskurides (1. Jh. n. Chr.), Ibn Sina (11. Jh.) und Tabernaemontanus (16. Jh.) bis in die Neuzeit aufgezeichnet und sind als solche erhalten geblieben.

Lehrbücher zu westlichen Kräutern in der TCM wie die von Peter Holmes, Jeremy Ross, Rita Traversier u. a., die in den letzten Jahren erschienen sind, zeigen, welch reichhaltige Schatztruhe die europäischen Heilkräuter auch für die Chinesische Medizin in Europa darstellen. (Eine ähnliche Entwicklung zeichnet sich in der TCM-Diätetik ab bezüglich der heimischen Nahrungsmittel.)

Einer der Gründe, warum sich die Therapie mit diesen Kräutern (und es handelt sich im Westen fast ausschließlich um Kräuter im Gegensatz zur chinesischen Materia Medica) gut in die TCM integrieren lässt, ist nicht zuletzt die Verwandtschaft der beiden traditionellen Betrachtungsweisen. Hier gibt es einige interessante Überschneidungen. Beide Systeme beruhen auf der Entsprechungslehre, beide enthalten eine Theorie der Temperaturverhalten, Geschmäcke (weniger ausgeprägt) und der unterschiedlichen Körpersäfte. Wirklich zusammen kommen sie jedoch bei der Idee der „Signaturenlehre“. Diese besagt, dass Heilpflanzen Kennzeichen tragen, die darauf hinweisen, welche Krankheiten sie heilen können. Der Mensch muss nur lernen, diese Kennzeichen zu lesen.

Die Signaturenlehre fand bereits im Altertum weite Anwendung, geht aber in ihrer konkreten schriftlichen Formulierung in Europa auf Paracelsus und den neapolitanischen Arzt und Alchemisten della Porta zurück. Danach hilft z. B. Schöllkraut mit seinem gelben Saft gegen die Gelbsucht, die geschwollenen Wurzelknöllchen des Scharbockskrauts als Mittel gegen Warzen und Hämorrhoiden. Die Form der Walnuss prädestiniert sie für Behandlungen des Gehirns. Brennnesseln mit ihren Haaren helfen gegen Haarausfall.

Vier Elemente

Entsprechungen / Signaturen der Vier Elemente in der griechisch-römischen Humoralpathologie

Als Signaturen gelten unter anderem: Geruch, Geschmack, Farbe, Gestalt, Struktur, Beschaffenheit, Standort, Wachstumsphase und Lebensdauer der Pflanzen. Diese werden verschiedenen Kategorien wie Elementen, Planeten oder Eigenschaften zugeordnet. Demnach hat eine bitter schmeckende Pflanze eine Beziehung zum Element Feuer, welches mit der Sonne in Verwandtschaft steht und unter anderem eine Umwandlung und Anregung von Stoffwechselprozessen bewirkt.

In seinem vor zwei Jahren erschienenen Buch „Chinesische Arzneipflanzen. Wesensmerkmale und klinische Anwendungen“ (1) ordnet Andreas Kalg die Arzneimittel, vor allem Kräuter, nach Gesichtspunkten der Signaturenlehre. Er merkt an, dass die Signaturen „ein in der modernen TCM-Literatur häufig unerwähnt gelassener Aspekt des Wesens der Kräuter (sind)“ (Kalg, S. 11/12). Auch wenn es den Begriff „Signaturenlehre’’ in China nicht gegeben hat, kann doch „davon ausgegangen werden, dass es die „Signaturenlehre“ in der chinesischen Medizin gibt und die klassischen Werke voll von Anspielungen darauf (sind)“ (ebda, S. 13). Kalgs Buch ist der anschauliche und kenntnisreiche Beweis für diese These.

Signaturenlehre im Westen wie in China

Zuzustimmen ist Kalg darin, dass „die Analyse der Wesensmerkmale der chinesischen Drogen und ihrer Signaturen rein beschreibender Art (ist). Sie mag den Grundstein legen für eine weitere Erforschung dieser gemeinhin als unwissenschaftlich empfundenen Aspekte der Phytotherapie“ (ebd. S. 13). Dem ist zuzustimmen (die westlichen Kräuter eingeschlossen). Insbesondere im Westen wurden inzwischen viele aus der Signaturenlehre und in der Heilpraxis bestätigten Wirkmöglichkeiten der Kräuter auch über die Analyse der Inhaltsstoffe und deren Wirkung naturwissenschaftlich bestätigt. Aber nicht alle traditionellen und empirisch gesicherten Wirkungen lassen sich über die einzelne Inhaltsstoffe erklären. Das liegt vor allem darin, dass die Wirkung einer Heilpflanze über die Wirkung einzelner Inhaltsstoffe hinausgeht und letztlich erst deren Synergie einer Pflanze die charakteristische Heilwirkung verleiht.

Die energetische Wirkbeschreibung der westlichen Kräuter in den Kategorien der Chinesischen Medizin berücksichtigt verschiedene Ebenen, die auch die naturwissenschaftliche und klinische Erforschung im Rahmen der (westlichen) Phytotherapie einschließt. (Abb.)

Einzelne Autoren haben sich bereits auf den Weg gemacht, westliche Kräuter für die praktische Anwendung in der TCM zu beschreiben und auch anzuwenden. Weitere Autorinnen werden folgen. (2)

Lebendiger Austausch notwendig

Was fehlt, ist ein Netzwerk der TCM-Therapeutlnnen, die mit westlichen Kräutern in ihrer Praxis arbeiten. Dazu zählen auch der lebendige Austausch zwischen ihnen sowie die Weiterentwicklung der Theorie und deren kritische Reflexion. Den Teilnehmerinnen des “Westlichen-Kräuter-Tags“ ist zu wünschen, dass sie auf diesem Weg ein Stück weiter kommen.

Eine wenn auch kurze Gelegenheit, das Für und Wieder des Einsatzes westlicher und chinesischer Kräuter in der TCM-Praxis zu diskutieren, bietet die Podiumsdiskussion der DWGTCM. Im Moment gibt es eine interessante Diskussion unter amerikanischen TCM-Therapeuten über die Einbindung von Kräutern, die es zwar in China gibt und die auch im Zhong Yao Da Ci Dian (Große Enzyklopädie der chinesischen Arzneimittel) aufgeführt sind, die aber bisher nicht im Hinblick auf solche Wirkungen eingesetzt werden, die ähnliche oder dieselben Kräuter im Westen zeigen. Eines der Beispiele ist die Brennnessel (Qian ma, ganze Pflanze, und Qian ma Gen, Wurzel). Sie weisen botanisch eine sehr große Ähnlichkeit mit der im Westen gebräuchlichen Urtica dioica L. und U. urens L. auf.

In der westlichen Literatur (darunter die europäischen ESCOP-Monographien) bestätigen naturwissenschaftliche Studien den klinischen Einsatz von Brennesselwurzel bei Problemen mit dem Wasserlassen. Das gehört neben der Behandlung gutartiger Prostata-Vergrößerung auch zum traditionellen Gebrauch. Neuere Studien belegen die positive Wirkung bei PCOS (Polycystic Ovarian Syndrome).

Ein Großteil der chinesischen Literatur betont die Behandlung von Wind-Feuchtigkeit und Blut-Stase. Ein Handbuch für Heilmittel aus der Provinz Xinjiang besagt, dass Brennesselwurzel hohen Blutdruck und Taubheit in den Extremitäten behandelt. Offenbar werden Heilpflanzen in unterschiedlichen geografischen Gegenden unterschiedlich angewendet. Ein Grund dafür kann in den unterschiedlichen kulturellen, klimatischen und ökologischen Bedingungen liegen.

Zu diskutieren wäre hier die Frage, wie moderne Erkenntnisse über einzelne traditionelle Arzneimittel in die Beschreibung der chinesischen und westlichen Kräuter im Rahmen der TCM integriert werden. Werden, soweit es Ähnlichkeiten mit europäischen Heilkräutern gibt, auch deren Wirkungen bei den betreffenden chinesischen Kräutern überprüft?

Das könnten, neben der Signaturenlehre, Fragen sein, die zwischen den Anwendern beider Kräuter-Richtungen diskutiert werden könnten. Eine lebendige Diskussion in Gang zu bringen, wäre wünschenswert.

Anmerkungen
1) Kalg, Andreas: Chinesische Arzneipflanzen. Wesensmerkmale und klinische Anwendung, Urban & Fischer in Elsevier, 2009 >http://www.naturmed.de/tcmakupunktur/chinesische-kraeuter-kampo/kraeutermateria-medica/19886/chinesische-arzneipflanzen<
2) H. Magel/W. Prinz/S. van Luijk: 180 westliche Kräuter in der TCM, Behandlungsstrategien und Rezepturen, Haug-Verlag, 2013 >http://www.naturmed.de/tcmakupunktur/westliche-kraeuter/heilkraeuter/1382/180-westliche-kraeuter-in-der-chinesischen-medizin<

Helmut Magel
Heilpraktiker
Praxis für Chinesische Medizin
Löhrerlen 16
42279 Wuppertal
www.helmut-magel.de
www.yang-shen-philo.com

Die Rezension erschien in: Naturheilpraxis 6/2011