Archiv der Kategorie: Philosophie west-östlich

Ahnen und Heilige

Ahnen und Heilige
Allerheiligen und Allerseelen am 1. und 2. November

An keinem anderen Tag denken wir so intensiv über uns nach, darüber, was von uns bleiben wird, und darüber, was andere Menschen uns hinterlassen. Die Erinnerung daran, wo die Mutter begraben liegt, der Vater oder die Großeltern, diese Erinnerung ist älter als alle Religionen. Es ist die Erinnerung daran, wo unter der Erde ein Teil unseres Lebens ruht. Allerheiligen und Allerseelen, bei den Protestanten Totensonntag sind vermutlich keltischen Ursprungs und dürften bewegende Feste zu Ehren der Ahnen gewesen sein.

Gedenken an die Ahnen bei uns…

Am 1. November ist Allerheiligen, am darauffolgenden Tag Allerseelen. Das Bild von Gräbern passt zum Herbst mit seinem Nebel, Raureif, oft nasskaltem trüben Wetter. Die Stimmung neigt zur Melancholie. Gemäß den Fünf Elementen ist die Trauer dem Herbst zugeordnet. Im Wesentlichen war vor allem die Trauer um die Eltern gemeint.

Unabhängig davon, ob Sie religiös sind oder nicht: Auch Sie sind Glied in einer langen Reihe von Vorfahren, von denen Sie Eigenschaften, Fähigkeiten und Fertigkeiten geerbt haben. Vielleicht wurde Ihnen schon mal nachgesagt: „Du bist wie Tante Soundso“ oder „Du kommst ganz auf deinen Großvater“… Vielleicht tragen Sie den Namen einer Heiligen oder eines Heiligen, die in der Katholischen Kirche am 1. November verehrt werden und die jemand in einer schwierigen Situation um Beistand bittet.

Heute definieren sich junge Menschen eher über Freunde denn Vorfahren. Vorbilder werden kaum noch unter den Vorfahren, sondern mehr unter Zeitgenossen gesucht. Einer der Gründe sind Patchwork-Familien, durch die traditionelle Familienstrukturen und Generationsfolgen verschwimmen. Rituale von der Taufe bis zur Hochzeit, von Initiations- bis zu Bestattungsfeiern haben weitgehend ihre Bedeutung verloren. Dabei handelt es sich auch Techniken der Lebenskunst, die beides umfassten: die Kunst des Lebens (ars vivendi) als auch die Kunst des Sterbens (ars moriendi) als ein reiches Spektrum der Hinnahme und Einübung ins Unvermeidliche.

Allerseelen dient der „Pflege der Seelen” der Verstorbenen. Die Nachkommen schmücken nach altem Brauch am Vortag von Allerseelen, dem Nachmittag an Allerheiligen, die Gräber mit Grün und Herbstblumen wie Astern und Chrysanthemen. Chrysanthemen sind bei uns typische Friedhofsblumen geworden und doch erst seit ungefähr hundert Jahren in Europa bekannt. Denn die Chrysantheme stammt aus China. Dort schmückte sie die Tempel und war ein wichtiges Sujet in der Kunst. Neben Blumen wird an Allerseelen ein „ewiges Licht” auf das Grab gestellt. Werden auch Sie ein Grab besuchen?

In früheren Jahrhunderten stellte man Speisen auf das Grab (Brot, Wein, Bohnen) und brachte sie den Verstorbenen dar. Wer sich in der Nacht von Allerheiligen auf Allerseelen ins Freie wagte, war – so glaubte man – in Gefahr zu sterben, denn Spuk und Zauber drohten und alle Geister und Dämonen hatten frei Schalten und Walten.

Etwas davon klingt noch am irischen „Halloween”, dem Vorabend der Heiligen (= hallows), nach. Das in die USA exportierte und von dort auch nach Deutschland schwappende Halloween-Brauchtum diente ursprünglich der gefeierten Einheit der Lebenden mit den Toten.

… und in China

Das Gedenken an die Ahnen hat in der chinesischen (und japanischen) Gesellschaft dagegen noch einen bedeutenden Stellenwert. In China hat vor allem der älteste Sohn die Pflicht, der Ahnen zu gedenken und dafür zu sorgen, männliche Nachkommen zu zeugen, die die Ahnenreihe fortsetzen. So wird auch das Weiterleben der Familie – sowohl ideell als auch sozial – gesichert. Jeder einzelne begreift sich als Teil einer Kette sich immer wieder erneuernder Generationen. Die Söhne werden schließlich selbst zu Ahnen. Die Verehrung der Ahnen wird auch den lebenden Alten zu Teil.

Chinesischer Ahnenaltar

Den Verstorbenen gedenkt man in China durch Ahnentafeln im Haus. Innerhalb der traditionellen chinesischen Feng-Shui-Lehre zur energetisch gesunden Gestaltung von Wohn- und Arbeitsstätten wird den Ahnen stets ein Platz zur Ehrung im Haus oder im Garten eingeräumt.

Auch bei Familien-Festen wird ihrer gedacht, indem Räucherwerk abgebrannt und ihnen Essen und Trinken hingestellt wird. Ihr Wohlergehen „in der anderen Welt“ ist von der Unterstützung der Lebenden abhängig, und umgekehrt können die Ahnen auch die Lebenden unterstützen. Wie dieses Einwirken der Ahnen aussieht, liegt hauptsächlich in der Verantwortung der Lebenden.

Ohne Himmel und Erde gibt es kein Leben,
ohne die Ahnen gibt es keine Abstammung,
ohne den Meister gibt es keine Ordnung.
Wenn diese drei Dinge irgendwie fehlen,
so ist Sicherheit unter den Menschen unmöglich.

(Konfuzius: Das Buch der Riten Liji)

Heilige, gute Seelen und innere Kraftquellen

In unserer christlichen Tradition werden die Heiligen, die ein sittlich vollendetes Leben geführt haben und dadurch Gott nahe sind, im Gebet angerufen, uns in schwierigen Situationen zu unterstützen. Eine Heil- und sogar Wunderkraft wird auch den Hinterlassenschaften, Überbleibsel und Gebeinen jener Heiligen, die als Reliquien in Kirchen aufbewahrt werden, zugesprochen.

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Spätsommer – die Jahreszeit mit dem schönsten Licht

Wenn das Korn geerntet ist, beginnt die Drachenzeit

Zumindest früher, vor etwa 50 Jahren, war das so. Die Kinder bauten die Drachen selbst, die gab es nicht einfach zu kaufen…

… Festes Papier, Holzlatten, kleine Nägel, Kleber (oft aus Mehl und Wasser selbst gemacht), eine Kordel und möglichst buntes Papier für den “Schwanz” wurden benötigt. Dafür musste man eines Geschick haben und sich Rat bei älteren “Fachleuten” einholen, damit der Drache auch in der Lust blieb und nicht knatternd abstürzte. Die lange dünne Schnur, an dem man den Drachen hielt, durfte man nicht mit dem Fingernagel halten, denn die Schnur hatte einen starken Zug und konnte schnell reißen. Angelschnur gab es damals noch nicht.

Zum Drachensteigen benötigten wir die freien Stoppelfelder. Obwohl die Kinder meist nicht “mit Feuer spielen” durften, machten sie doch ein kleines Feuer, in dem sie die auf den Feldern liegen gebliebenen Kartoffeln der letzten Ernte brieten. Der rauchige süßliche Geruch dieser Feuer gehörte zur Drachenzeit. Vielleicht gibt es so etwas heute noch in ländlichen Gegenden.

Morgens steigt der Nebel auf im Spaätsommer

Altweibersommer

Damit begann der Altweibersommer, jene in sanftes warmes Licht getauchte Jahreszeit, die vornehmlich durch eine Hochdruckwetterlage über Mitteleuropa mit trocken-warmen Winden gekennzeichnet ist.

Weibern – Weben – der spätsommerliche Tau macht die Spinnfäden sichtbar

Das Wort Altweibersommer stammt von dem altdeutschen Wort „weiben“ und bedeutet das Knüpfen von Spinnweben. Denn an Tagen mit sonnigem Wetter kühlt es sich in den klaren Nächten stark ab, so dass in den Morgenstunden durch den Tau die Spinnweben deutlich zu erkennen sind. Die glänzenden Fäden glitzern im Sonnenlicht wie lange, silbergraue Haare wie – so glaubte man früher – das Haar alter Weiber.

Spätsommer – der Kaiser ruht sich aus

Der fliegende Drache – Chinas berühmtestes Symbol

Aus Sicht der Meteorologen beginnt am 1. September der Herbst. Die Abende sind noch mild und die Tage noch sonnig und warm. Die letzten Gartenfeste werden gefeiert und lassen uns Abschied nehmen vom Sommer. Es ist die Zeit des Übergangs zur kühlen und kalten Jahreshälfte, auf die sich der Körper allmählich einstellt. Der Mensch wird in der Übergangsphase anfälliger für Erkrankungen.

Der Spätsommer wurde im alten China als 5. Jahreszeit der Wandlungsphase Erde zugeordnet. Der Kaiser ruhte in dieser Zeit im Zentrum seines Reiches. Auch das Zentrum, die Mitte, zählt zur Wandlungsphase Erde.

Die Erde und die Mitte spielen in der Entsprechungslehre eine harmonisierende Rolle. Denken Sie an den süßen Geschmack, der ebenfalls der Erde zugeordnet ist und viele Speisen “rund” werden lässt, ohne dass Sie viel Süßes zu geben müssten. Das ist auch der Grund dafür, warum wir bei Stress gerne auf Süßigkeiten zurückgreifen, denn die harmonisieren auch unser Inneres und helfen zu besänftigen.

Holunderbeeren jetzt pflücken – zum Entsaften

Genießen Sie die Zeit. Erfreuen Sie sich an den Blüten der Herbstzeitlose, sammeln Sie die schwarzen Holunderfrüchte für Saft, die Haselnüsse, backen Sie Pfannkuchen mit Äpfeln und Zwetschgen.

War der Maler Magritte ein Daoist?

Ein über dem Meer schwebender Felsblock, auf dessen Spitze eine Burg steht; ein Apfel, der den ganzen Raum eines Zimmers füllt. Solche oder ähnliche Reproduktionen sind Ihnen sicher schon begegnet. Dinge, die in der Realität in dieser Kombination nicht vorkommen, malte der Surrealist René Magritte (1898–1967). Aber was heißt schon Realität?

Ist das eine Pfeife, die wir auf dem Bild sehen? Nein. Das ist keine Pfeife, schreibt Magritte. Aber was ist das sonst?

«Der Verrat der Bilder» heißt eine Ausstellung in der Schirn in Frankfurt a. M. (bis 5. Juni 2017) und zeigt eine breite Auswahl von Bildern des Surrealisten Magritte:

Beim Betrachten der Bilder und der meist rätselhaften Bildtitel in der Ausstellung gewann ich den Eindruck, dass alle Arbeiten den Grundgedanken zu illustrieren scheinen, dass von dem, was wir tagtäglich sehen und benennen, nichts der Wirklichkeit entspricht. Es ist eine folgenschwere Verwechslung, im Alltag den Begriff oder das Bild für die Wirklichkeit zu nehmen. Sobald wir etwas sprachlich benennen, deuten wir es bereits.

Das erinnert mich an zwei Philosophen, die zweieinhalbtausend Jahre auseinander liegen: Lao Zi und Wittgenstein. Lao Zi schrieb:

sagbar das Dao
doch nicht das ewige Dao
nennbar der name
doch nicht der ewige name

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Träumen Chinesen anders als Europäer?

Freud und die Träume

Unsere Träume setzen sich zusammen aus Versatzstücken unserer Erlebnisse und Eindrücke, seien sie aktuell oder weit in der Zeit zurückliegend. Sigmund Freud bezeichnete Träume als ein «Konglomerat», «in dem jeder Brocken Gestein eine besondere Bestimmung verlangt.» Er folgerte daraus: «Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausgegangen ist.»

Und dann macht der Mann aus der Bergstraße in Wien die interessante Feststellung, «dass die orientalischen Traumbilder, von denen die unsrigen klägliche Abklatsche sind, die Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit der Worte vornehmen» und lobt «die außerordentliche Bedeutung des Wortspiels und der Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen». Freuds Schlussfolgerung: «Übrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen Ausdruck, dass Ferenczi mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum ist in der Regel unübersetzbar in andere Sprechen und ein Buch wie das vorliegende, meinte ich, darum auch.» Dieses Buch, das ist Freuds Traumdeutung, erstmals erschienen im Jahre 1900. Die Zitate stammen daraus (Gesammelte Werke in 1 Band, S. 119).

Chinesische Schriftzeichen als Deutungs-Schlüssel

Was meint Freud mit Wortspiel und Wortspielerei bei der De-Chiffierung von Träumen? In China analysierte man weniger die Traumsymbole als vielmehr deren chinesische Schriftzeichen. Christof Niederwieser erklärt uns: «Dabei kann oft eine gänzlich andere Bedeutung zutage treten, als der Traum ursprünglich suggeriert hat. So wird von einem hohen Beamten des Kaisers Kangxi (1654 – 1722) berichtet, der wissen wollte, ob er jemals Söhne haben würde. Er begab sich dazu in den Guandi-Tempel 關帝廟 außerhalb Pekings. Dort träumte er, dass ihm Guandi 關帝 einen Bambusstab ohne Blätter und Zweige überreichte. Er war sehr traurig, denn er deutete dies als Omen, dass er niemals einen Nachfolger haben werde. Doch ein Traumdeuter klärte ihn auf.

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Chinesisches Plakat- und Buchdesign heute

 

Schriftbilder – Bildschrift. Chinesisches Plakat- und Buchdesign heute: 文圖  (Wen Tu)

Die Berliner Ausstellung gewährt einen ersten umfassenden Einblick in die junge Szene des chinesischen Grafikdesign. Diese hat sich in den letzten zwanzig Jahren in China und Hongkong etabliert und wachsende internationale Anerkennung erlangt.

Internationale Bildsprachen sind in diesen Arbeiten mit der Tradition kalligraphischer Schriftkultur verbunden und haben eine eigene chinesische Moderne hervorgebracht. Mit ein wenig meditativer Muße gibt der Trailer zur Ausstellung einen sehr schönen Eindruck:

Es werden über 150 Plakate und Bücher von rund 50 Designern aus den verschiedensten Regionen Chinas präsentiert. Aus Anlass der Ausstellung ist eine umfangreiche Publikation erschienen, gestaltet von Jianping He, dem Initiator der Ausstellung. Die Ausstellung ist eine Übernahme aus dem Folkwang Museum in Essen.

Ausstellungsort:
Kunstbibliothek bis 28.05.2017
Matthäikirchplatz
10785 Berlin

Die Kunstbibliothek ist erreichbar mit:
U-Bahn U2 (Potsdamer Platz)
S-Bahn S1, S2, S25 (Potsdamer Platz)
Bus M29 (Potsdamer Brücke); M41 (Potsdamer Platz Bhf / Voßstraße);
M48, M85 (Kulturforum); 200 (Philharmonie)

Gegen Räuber die Nadeln spielen lassen – Lobpreisung der „Reise in den Westen“

„Jetzt ist es am alten Sun, seine Nädelchen spielen zu lassen!“
„Aha, der Mönch ist eine Akupunkteur“, meinte einer der Räuber und rief: „Wir sind doch nicht krank, wozu eine Nadel?“
Der Mönch, „alter Sun“ holte daraufhin sein stecknadelgroßes Stäbchen aus dem Ohr, schwang es in den Wind und hielt eine Stange vom Durchmesser einer Reisschale in den Händen. Dann schrie er: „Stehengeblieben! Lasst auch den alten Sun seine Waffe ausprobieren.“
Entsetzt stoben die sechs Räuber in alle Richtungen.

Affenkönig Sun Wukong 孫悟空: „„Als steinernes Ei aus einem Felsen geboren, befruchtet vom Wind, geschaffen aus den reinen Essenzen des Himmels, den feinen Düften der Erde, der Kraft der Sonne und der Anmut des Mondes“.

81 Bewährungskämpfe gegen Geister und Dämonen

Ich musste herzlich darüber lachen, dass die Akupunktur in dem chinesischen Riesen-Roman „Die Reise in den Westen“, immerhin 1300 Seiten stark, vorkommt. Wer weiß, vielleicht wird die Akupunktur noch in den weiteren Kapiteln erwähnt, die ich noch nicht gelesen habe. Ich bin erst bis Seite 280 gekommen. Diesen phantasisch-komisch-bulesken Roman hat die Deutschschweizerin Eva Lüdi Kong wunderbar ins Deutsche übersetzt. Er liest sich wie eine Phantasy-Geschichte, stammt aber aus dem Ende des 16. Jahrhunderts. Es wimmelt nur so von Dämonen, Geistern, Göttern, Zauberern, aber auch Weisen und Mönchen. In den 100 Kapiteln werden 81 Bewährungen des Affenkönigs Sun Wukong bzw. des Mönches Tripitaka geschildert, den Hauptprotagonisten einer Pilgergruppe, die im Auftrag des chinesischen Kaisers Taizong 太宗 (7. Jh.) nach Westen, d.h. Indien, reisen, um dort von Buddha die heiligen Schriften zu erbitten. Auf dem Weg sind die tollsten Abenteuer zu bestehen.

Jorge Luis Borges schrieb; „Es gibt wohl kaum ein abergläubischeres Volk als das chinesische. Die weitläufigen realistischen Romane, die es hervorgebracht hat – so der Traum der roten Kammer –, wimmeln von Wundern, eben weil diese wirklich sind und weil man das Wunderbare nicht für unmöglich, nicht einmal für unwahrscheinlich.“ Und: „Nichts Charakteristischeres gibt es für ein Volk als seine Phantasien.“ Vielleicht gilt das auch für das Werk des Zeitgenossen des vermutlichen Autors der „Reise in den Westen“, dem Don Quijote des Miguel de Cervantes.

Die Übersetzerin der Reise in den Westen fügte dem Text Anmerkungen hinzu, die man nicht lesen muss, um den Gang der Handlung nachvollziehen zu können, aber wenn Sie wie ich sich seit über 30 Jahren mit chinesischer Philosophie und Medizin beschäftigen, sind die Anmerkungen sehr erhellend. Plötzlich erscheinen einem bekannte Begriffe des Daoismus und Buddhismus in Verbindung mit der spannenden Handlung geradezu bildlich vor Augen.

Die sechs Sinne sind sechs Räuber

Bleiben wir bei den Räubern. Die versperren dem alten Sun und seinem Meister Tripitaka den Weg, stellen sich jedoch auf nachfrage Suns artig vor: „Hör gut zu: Der Erste heißt Freudeschauendes Auge, der Zweite Zornhörendes Ohr, der Dritte Liebeschnuppernde Nase, der Vierte Gedankenschmeckende Zunge, der Fünfte Lustgewahrender Sinn, der Sechste Kummerverhafteter Körper.“ „Ach so, sechs kleine Räuberchen!“ spottete Sun Wukong.

Man kann einfach weiter lesen, aber auch kurz unterbrechen und die dazugehörige Fußnote von Eva Lüdi Kong lesen: „Im Buddhismus werden die sechs Sinne oft als „sechs Räuber“ bezeichnet, da sie durch die verwirrende Vielfalt der Wahrnehmungen den Zugang zur inneren Buddha-Natur verhindern. Der Begriff bezieht sich auf das Surangama Sutra, 4. Buch, in dem es heißt: „Was du gegenwärtig vor Augen, Ohren, Nase, Zunge sowie Leib und Herz gebrauchst, diese sechs sind Räuber, welche seinen inneren Schatz stehlen.“

Hier lässt sich nachvollziehen, dass die aus dem Westen kommenden ersten Buddhisten von den Chinesen zunächst für Daoisten gehalten wurden. Heißt es doch ganz ähnlich bei Lao Zi im Da De Jing:

Die fünferlei Farben machen der Menschen Augen blind.
Die fünferlei Töne machen der Menschen Ohren taub.
Die fünferlei Würzen machen der Menschen Gaumen schal.
Rennen und jagen machen der Menschen Herzen toll.
Seltene Güter machen der Menschen Wandel wirr.
Darum wirkt der Berufene für den Leib und nicht fürs Auge.
Er entfernt das andere und nimmt dieses.
(12. Vers)

Aberwitzige Handlungen gegen Erleuchtungsverse

So gerät das Lesen zu einem spannenden und anschaulichen Anschauungsunterricht sowohl der Geister- und Götterwelt der Chinesen als auch der Philosophie und religiösen Auffassungen.

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Gelingendes Leben bedarf der Resonanz

Zum Buch „Resonanz“ von Hartmut Rosa

Zeitknappheit, Stress und Hektik gehört zur alltäglichen Erfahrung. Dem Modus des Immer-schneller kann nur mit der Gegenstrategie „Entschleunigung“ begegnet werden, um den permanenten Stress zu lindern. Reicht aber mehr Langsamkeit? Hartmut Rosa sagt in seinem Buch „Resonanz“: Nein, weil es nicht einfach um Langsamkeit geht. Es geht um eine andere Beziehung zur Welt. Was kann eine „neue Beziehung zur Welt“ sein?

Ein Beispiel: Kinder sind ganz stark „Resonanz-Wesen“. Sie leben von den lebendigen Begegnungen mit anderen Menschen und lassen sich bezaubern von Erzählungen. Ihnen erscheinen die Dinge des Alltags noch geheimnisvoll und erweckend ihre ständige Neugierde.

Resonanz bringt etwas in uns zum Schwingen

Unweigerlich fällt mir der berühmte Vierzeiler von Eichendorff ein, in dem er die Suche nach der verborgenen Poesie der Welt zum Klingen bringt:

„Schläft ein Lied in allen Dingen,
Die da träumen fort und fort,
Und die Welt hebt an zu singen,
Triffst du nur das Zauberwort.“

Kinder lassen sich spontan auf ihre Umgebung ein, ohne dass sie das erst abwägen müssen. Kurz: sie treten in Resonanz mit der Welt. Als Erwachsene steckt diese kindliche Erfahrung immer noch in uns und wird zum Nährboden einer Sehnsucht nach eben jener in der Kindheit erfahrenen Resonanz.

Resonanz hat für Rosa immer einen Moment der Unverfügbarkeit, sie lässt sich nicht vollständig planen, ja, das Planen und Kontrollieren verhindert sogar, uns in Begegnungen mit Anderen, mit Orten, Musik, mit der Natur berühren zu lassen. Resonanz bringt etwas in uns zum Schwingen.

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How Chinese Medicine Became German: Holism, Systems, and Free Flow

Wed, 20 Jul at 18:00, London, United Kingdom
How Chinese Medicine Became German: Holism, Systems, and Free Flow
By: Prof Volker Scheid

London
What is it that makes complementary and alternative medicines (CAM) different from conventional medicine? The most common answer, surely, is that they are holistic. And Chinese medicine even more so, for does not all of Chinese culture embrace holism at its very core?

In this talk, Prof. Volker Scheid will present us with a very different story. Holism, as he will show, emerged in Germany and not in China and it became conjoined to Chinese medicine only in the course of the late 20th century. The story of this convergence is a fascinating narrative that takes in German philosophers like Kant, Hegel, Marx and Engels; C.G. Jung, the Swiss psychotherapist; Joseph Needham, the Cambridge historian of Chinese science; Alan Watts and a host of German emigres to the US; the beats and hippies; quantum physicists and their popularisers; Mao Zedong and the famous Chinese scientist Qian Xuesen; systems theorists; the Nazis; and, of course, Chinese medicine practitioners from the East and the West.

Thus, the story of how Chinese medicine became German is also a story of the 20th century and of a world that had already produced truly global practices long before globalisation became a fashionable term. But if holistic Chinese medicine is not Chinese but German – what, if anything, should we do about it?

When
Wednesday, 20 July 2016 from 18:00 to 20:00 (BST)
Where
UG05 – The University of Westminster Address 309 Regent Street, London, W1B 2HW, United Kingdom

https://www.eventbrite.co.uk/e/how-chinese-medicine-became-german-holism-systems-and-free-flow-tickets-24086459248?utm-medium=discovery&utm-campaign=social&utm-content=attendeeshare&aff=esfb&utm-source=fb&utm-term=listing

Fasten, Diäten – was ist davon zu halten?

Kürzlich fragte mich eine Teilnehmerin der Akupunktur-Ausbildung: „Diäten: Was spricht aus chinesischer Sicht gegen eine Null-Diät und gegen eine Diät, die ganz auf Kohlenhydrate verzichtet?“

Meine Antwort:

1. glaube ich, dass die Menschheit sich seit mindestens 10.000 Jahren von Kohlenhydrate, Fette, Eiweiße ernährt. Es hat in China daoistische „Sekten“ gegeben, die den Verzehr von Getreide (produkten) ablehnten und die Pythagoräer in Griechenland lehnten den Verzehr von Hülsenfrüchten kategorisch ab. Die Liste solcher Verbote ließe sich im Gang durch Geschichte und Kontinente erweitern.

2. Eine der christlichen Todsünden ist die „Völlerei“. Das ist ein wichtiger Hinweis, weil der Verstoß die ewige Verdammnis verspricht (schlechtes Gewissen beim Verzehr „verbotener“ Dinge). Das Christentum ist eng verbunden mit Brot und Wein und dem Opferlamm. Kostverächter waren die Christen nie.

Georg_Emanuel_Opiz_Der_Völler_1804

(Georg Emanuel Opiz: Der Völler, 1804)

3. Die Thematik der Diäten ist sehr jung und kam erst am Ende des 19. Jahrhunderts mit der Reformbewegung auf. Das war eine sehr schillernde Bewegung, die u.a. auf die Industrialisierung, Verstädterung, Naturzerstörung antwortete unter dem Schlachtruf „Zurück zur Natur“. Getragen wurde die Bewegung vor allem von gebildeten Mittelschichtlern und Kulturschaffenden. Östliche und indische Einflüsse wurden aufgenommen und damit auch der Vegetarismus sowie Rohkost.

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