Archiv der Kategorie: Spurensuche Seidenstraße

TCM-Zukunft 2027 in Europa

China betreibt flächendeckend an Konfuzius-Institute angegliederte TCM-Kliniken mit akademischem chinesischen Personal. Inländische Angestellte sind für die Kommunikation und Organisation zuständig. Die gesetzlichen Krankenkassen bezahlen mehr als nur die Akupunktur-Behandlung von Rücken-, Knie- und Kopfschmerzen. Dafür haben internationale chinesische Studien mit Unterstützung der WHO gesorgt. Klinisch sind die Zentren sehr erfolgreich. Sie stehen für das TCM-Original, dessen Kopien in Heilpraktiker- und Ärzte-Praxen an Attraktivität längst marginalisiert sind.

Düsteres Zukunftsbild oder Siegeszug der Chinesischen Medizin?

In Malta, dem zwar kleinsten, aber immerhin EU-Land, wurde im Januar unter Mithilfe der EU ein oben beschriebenes TCM-Zentrum erstmals in Europa eröffnet. In anderen Kontinenten gibt bereits zahlreiche TCM-Zentren unter chinesischer Führung. Ein ähnliches Zentrum wurde für Hradec Králové (Königgrätz) in Tschechien vereinbart.

China verfolgt im Zuge von 10-Jahresplänen die „Internationalisierung“ der TCM und deren Standardisierung in ISO-Normen. Das muss nicht alles schlecht sein. Ziel ist die Anerkennung der TCM als Teil der Gesundheitssysteme der verschiedenen Länder der Welt – und die Akademisierung der Ausbildung. Ignorieren oder mitwirken? Das ist die Frage an die Akupunktur-Gesellschaften in Europa.

China will die Welt verbinden – auch über die TCM

China erweckt die Seidenstraße zu neuem Leben. Über die Jahrhunderte alte Handels- und Kultur-Route soll Europa mit Zentral- und Südostasien verbunden werden. Es geht um immense Investitionen entlang der Route zu Land und zu Wasser. Es geht um politischen, wirtschaftlichen, aber auch um kulturpolitischen Einfluss. Und es geht um die Definitions-Hoheit über die Chinesische Medizin.

Akademisierung und Standardisierung der TCM: Transparenz und Gleichberechtigung?

China plant, den Absatzmarkt für pharmazeutische Roh- und Industrieprodukte auszuweiten und zeitgleich die Interpretation dessen, was Chinesische Medizin sei, nicht anderen zu überlassen. Im Verbund mit der WHO arbeiten große weltweit operierende chinesische TCM-Organisationen wie die WFCHS zusammen mit dem Ministerium für Traditionelle Chinesische Medizin der Volksrepublik daran, die Ausbildung weltweit zu akademisieren und zu standardisieren. Für die TCM in Deutschland stellt sich dabei die Frage: Welche langfristigen Auswirkungen auf die Ausbildung und Praxis der TCM wird das möglicherweise zur Folge haben?

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Träumen Chinesen anders als Europäer?

Freud und die Träume

Unsere Träume setzen sich zusammen aus Versatzstücken unserer Erlebnisse und Eindrücke, seien sie aktuell oder weit in der Zeit zurückliegend. Sigmund Freud bezeichnete Träume als ein «Konglomerat», «in dem jeder Brocken Gestein eine besondere Bestimmung verlangt.» Er folgerte daraus: «Es sind sicherlich die unzusammenhängenden und verworrenen Träume, von denen der Antrieb zur Schöpfung der Chiffriermethode ausgegangen ist.»

Und dann macht der Mann aus der Bergstraße in Wien die interessante Feststellung, «dass die orientalischen Traumbilder, von denen die unsrigen klägliche Abklatsche sind, die Deutung der Traumelemente meist nach dem Gleichklang und der Ähnlichkeit der Worte vornehmen» und lobt «die außerordentliche Bedeutung des Wortspiels und der Wortspielerei in den alten orientalischen Kulturen». Freuds Schlussfolgerung: «Übrigens hängt der Traum so innig am sprachlichen Ausdruck, dass Ferenczi mit Recht bemerken kann, jede Sprache habe ihre eigene Traumsprache. Ein Traum ist in der Regel unübersetzbar in andere Sprechen und ein Buch wie das vorliegende, meinte ich, darum auch.» Dieses Buch, das ist Freuds Traumdeutung, erstmals erschienen im Jahre 1900. Die Zitate stammen daraus (Gesammelte Werke in 1 Band, S. 119).

Chinesische Schriftzeichen als Deutungs-Schlüssel

Was meint Freud mit Wortspiel und Wortspielerei bei der De-Chiffierung von Träumen? In China analysierte man weniger die Traumsymbole als vielmehr deren chinesische Schriftzeichen. Christof Niederwieser erklärt uns: «Dabei kann oft eine gänzlich andere Bedeutung zutage treten, als der Traum ursprünglich suggeriert hat. So wird von einem hohen Beamten des Kaisers Kangxi (1654 – 1722) berichtet, der wissen wollte, ob er jemals Söhne haben würde. Er begab sich dazu in den Guandi-Tempel 關帝廟 außerhalb Pekings. Dort träumte er, dass ihm Guandi 關帝 einen Bambusstab ohne Blätter und Zweige überreichte. Er war sehr traurig, denn er deutete dies als Omen, dass er niemals einen Nachfolger haben werde. Doch ein Traumdeuter klärte ihn auf.

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Wie nadelte/moxte man in China Blase 67 am gebundenen Fuß?

„Dreht den Fetus und erleichtert die Geburt“, lautet die bekannteste Wirkbeschreibung des Akupunkturpunktes Blase 67 Zhiyin (Leitfaden Chinesische Medizin).

Erstmals wird diese Wirkung von dem legendären Arzt Sun Si Miao genannt. Der lebte von 581 bis 682 n. Chr. Merkwürdigerweise wird diese spezielle Wirkung des Punktes in den chinesischen Akupunkturbüchern der folgenden Jahrhunderte nicht mehr erwähnt, selbst im „Großen Kompendium der Akupunktur“ (Zhen Jiu Da Cheng) von 1601 nicht.

Im „Großen Handbuch der Akupunktur“ von Peter Deadman u.a. (erschienen 2001) heißt es vielsagend: „Die hauptsächliche Anwendung von Bl 67 Zhiyin liegt allerdings in der Behandlung einer Fehlstellung des Fötus, für die er bekannt ist.“ Auffallend ist, dass die Autoren, die ansonsten akribisch historische Quellen angeben, diese Angabe hier schuldig bleiben.

Was steckt hinter der Nichterwähnung der Fetus drehenden Wirkung von Blase 67 über Jahrhunderte hinweg?

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Die mögliche Erklärung dafür: Etwa 80 Prozent der chinesischen Frauen wurden seit dem 13. Jahrhundert die Füße gebunden. Im Alter von 7 Jahren wurden den Mädchen die Fußknochen zertrümmert und die Füße derart gebunden, dass sie möglichst klein blieben und in zierliche „Lotus-Schuhe“ passten.

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Lotus-Schuhe im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln

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Gebundene Frauenfüße ohne Bandagen

Kleine Füße galten (den Männern) als hoch erotisch. Die Füße mussten mehr oder weniger ständig gebunden bleiben, damit sie nicht wieder in die Breite gingen. Folgeerkrankungen wie Entzündungen verliefen bei etwa 10 Prozent der Frauen tödlich. Frauen konnten mit diesen kleinen Füßen kaum gehen und waren an das Haus gebunden, reiche Frauen ließen sich tragen.

Mit anderen Worten: Der Akupunkturpunkt Blase 67 konnte an den völlig deformierten Füßen von Frauen Jahrhunderte lang nicht genadelt oder gemoxt werden. Zudem galt es in den letzten Jahrhunderten des chinesischen Kaiserreiches ohnehin als anstößig, unbekleidete Körperteile zu zeigen. Da gibt es die historischen Abbildungen, auf denen eine Frau hinter dem Vorhang dem Arzt den Arm herausstreckt, damit dieser einzig am Puls die Diagnose vornimmt. Die Behandlung war jedoch, zeitgenössischen Berichten zu Folge, meist nicht erfolgreich.

Es wäre interessant, herauszufinden, ob die Indikation in der medizinischen Versorgung und Geburtsvorbereitung im Familienrahmen auch an durch das Binden deformierten Füßen vorgenommen wurde. Möglicherweise ist dann diese volksheilkundliche Indikation in der heutigen Zeit wieder in die Akupunktur aufgenommen worden.

Text: Helmut Magel
Abbildungen:
– Gebundene Frauenfüße ohne Bandagen (Public Domain, https-//commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1800691)
– Lotus-Schuhe im Rautenstrauch-Joest-Museum Köln, Foto © Helmut Magel
– Changde, Hunan, China, ca.1900-1919 (Public Domain, https-//commons.wikimedia.org)