Schlagwort-Archive: Übungen

Heute schon bewegt?

Jeder hat seine Erfahrungen mit “Sport”

“Ich geh mich dann mal quälen”, war der typische Ausspruch einer Bekannten, wenn sie “Sport machen” wollte. H. Dörnemann, der immerhin 111 Jahre alt wurde, für einen Mann ein erstaunliches Alter, empfand “Sport als Mord” – und trank jeden Tag ein Altbier (Westdeutsche Zeitung, 31.1.2007).

In meiner Schulzeit habe ich Sport hassen gelernt. 1946 geboren, wuchs ich in der Nachkriegszeit mit ihrer Mangelernährung auf, litt an der englischen Krankheit und X-Beinen, die mir als 4-jährigem Jungen “herausoperiert” wurden. Jahrelang musste ich nachts Streckschienen anlegen und tagsüber hohe Schnürschuhe tragen. Schulsport mit der Jagd nach “Urkunden” war eine Qual, Gymnastik ein Fremdwort. Sportunterricht gab den “Lahmen und Dicken” keine Chance, vielmehr das Gefühl, “Krücken” zu sein.

Damals hätte ich mir nicht träumen lassen, als Erwachsener anderen Menschen Qigong zu lehren. Auf dem Weg dorthin lernte ich sanfte “Sport”-Arten kennen wie Jazzgymnastik, Ausdruckstanz und schließlich Taijiquan und Qigong. Es waren jedoch nicht nur Bewegungsabläufe, auf die es ankam, sondern das Spüren, das Gewahrwerden für das, was die Bewegung in und mit mir macht. Mit anderen Worten: das Fließen des Qi spüren.

Bambus und Kiefer

Kiefer_am_Hang
Das erste Kapitel des chinesischen Medizin-Klassikers Neijing Suwen beginnt mit der Fragestellung, warum die Menschen “heute” früh sterben statt über 100 Jahre alt zu werden. Der Leibarzt des Kaisers Huangdi, Qibo, antwortet darauf:

„In der Vergangenheit praktizierten die Menschen das Dao, den Weg des Lebens. Sie verstanden das Prinzip des Gleichgewichts von Yin und Yang wie es sich in den Wandlungen der Energien des Universums widerspiegelt. Sie entwickelten Praktiken wie die des Daoyin, einer Kombination von Dehnungsübungen, Massage und Atemtechniken, um den Fluss der Energie zu unterstützen. Sie übten sich in Meditation, um in Einklang mit dem Universum zu kommen.” (Maoshing Ni (Hrsg.): Der Gelbe Kaiser, S. 16 f.)

Das lässt sich gut mit zwei Bäumen veranschaulichen. Der junge Bambus ist biegsam und bricht nicht. Altwerden heißt, nicht einzurosten, sondern die Elastizität bewahren und pflegen, sowohl im körperlichen als auch im geistigen Sinn. Die knorrige Kiefer, die fest verankert allen Unbill des Wetters trotzt. Sie wird auf chinesischen Tuschezeichnungen häufig hoch oben im Gebirge wachsend dargestellt und steht für die feste Verwurzelung. Ohne sie würde die Elastizität aus den Fugen geraten. Beides ergänzt sich wie Yin und Yang.

Bambus_im_Abendlicht

Die Kiefer steht für die Materialisierung in einem jahrelangen kontinuierlichen Konkretionsprozess, der Bambus für Belebung, Bewegung und Entfaltung. “Ich werde, wie die äußere Welt, von dieser doppelten Spannung, die gegensätzlich ist, sich ausgleicht und mich am Leben erhält, geformt.” (Francois Jullien, Sein Leben nähren, S. 90).

Weiterlesen